Meine größte Angst

Dazu den kurzen Anriss einer „Geschichte“, die ich vor fünfzehn Jahren erlebt habe:

Mein jüngster Sohn war nicht rechtzeitig nach Hause gekommen – unüblich für ihn.

Es klingelte an der Haustür. Zwei Polizisten standen vor der Tür.

Sie teilten mir mit, dass mein Sohn einen schweren Unfall gehabt hatte; dass er an der Unfallstelle das Bewusstsein verloren hatte und in welches Krankenhaus er gekommen war. Über seinen Gesundheitszustand konnten sie mir sonst nichts weiter berichten.

Ich erinnere mich noch heute mit Graus an die darauffolgenden Stunden, Tage, Wochen, Monate; an die Fahrt ins Krankenhaus; an das Warten; an den Anblick, als er aus der Not-OP kommend, an mir vorbeigeschoben wurde; an die Tage, als er aus dem künstlichen Koma erwachen sollte, es aber erst nicht tat.

Alles entwickelte sich am Ende zum Glück zum Guten.

7 Jahre zuvor hatten wir den ältesten Sohn meiner Freundin beerdigen müssen – auch durch einen Unfall. Er war 12 1/2 und kam zu nah an eine Oberleitung.

Seit dem Jahr, kamen mehrere Kinder in unserem Bekannten- und Freundeskreis ums Leben. Jedes Mal war es ein Drama.

Also, meine größte Angst ist, ein eigenes Kind verlieren zu müssen. Natürlich gibt es auch andere mir sehr nahestehende Menschen, deren Tod mich sehr schlimm treffen würde, aber ein eigenes Kind zu verlieren, das stelle ich mir am schlimmsten, von allem was es auf der Welt gibt, vor.

Ich hoffe, ich werde das niemals erleben müssen und es wird so sein, wie es meiner Meinung nach richtig ist, dass ich keines meiner Kinder überlebe.

24 Gedanken zu “Meine größte Angst

  1. Mir kommt das große Grauen schon allein beim Lesen. Sehr schlimm, was du durchmachen musstest.
    Meine Mutti hätte meinen Bruder auch fast verloren. Er war damals allerdings schon 19.
    Ein Kind zu Grabe tragen zu müssen ist mit Sicherheit das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann. Gegen diese Angst kann man nichts tun. Man kann nur hoffen.

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      • Das war damals ein großer, schwerer Unfall bei der Armee, bei dem mehrere Personen ums Leben kamen und viele, zum Teil schwer verletzt wurden. Mein Bruder lag 16 Tage im Koma.
        Das Problem ist, dass niemand Schicksalsschläge verhindern kann. Ich vermute, dass die Angst in jedem von uns ruht. Bei dem einen größer, als bei dem anderen.

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        • Ja, das stimmt. Keiner kann sie verhindern. Meine Eltern hatten da auch leider einige abbekommen. Eine Tochter (die vor weit vor mir geboren wurde) ist mit einem halben Jahr an Angina gestorben. Mein ältester Bruder wurde mit 21 in einen Autounfall verwickelt und vom Mofa geschleudert und sitzt seither im Rollstuhl. Mein jüngster Bruder ist am Anfang seiner Ausbildung vom Dach gestürzt und wurde so Frührentner und mein mittlerer Bruder erlitt bei der Bundeswehr schwere Verbrennungen im Gesicht, die zum Glück komplett wieder verheilt sind. Meine jüngste Schwester sprang grad so mit einem halben Jahr dem Tod von der Schippe mit einer Hirnhautentzündung. Lag aber fast ein halbes Jahr im Krankenhaus.
          Glück im Unglück kann man auch sagen, wenn man es mal von der guten Seite sieht. Alle leben noch (bis auf die eine).

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  2. So etwas vergisst man nicht und die Angst steckt einem in den Knochen. Zumal es ja noch mehr Todesfälle gab und irgendwie leidet man da immer mit. Deinen Wunsch hat wohl jeder, Eltern sollten ihre Kinder nicht zu Grabe tragen.

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    • Viele Situationen sind sicherlich nicht so schlimm, wie sie erst erscheinen. Andere dagegen schon, auch wenn sie nicht zum Tode führen. Aber deshalb kann man auch damit („gut“) leben.

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      • danke!
        Ich ertrinke nicht, sondern versuche so zu leben, wie es ihr gefallen würde. All die lebensweisheiten, die ich meinen klienten über so viele jahre vermittelt habe, wende ich nun für mich an. Es macht mein leben zumindest lebbar und voller dankbarkeit für all das schöne, das wir hatten und das ich noch haben werde.

        Bisous

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    • Ja, das stimmt – es ist ganz egal, wie alt das Kind ist. Es tut mir für dich furchtbar leid. Wenn ich an deine diesbezügliche Erfahrung, die du machen musstest, denke, muss ich schlucken. Dankbar zu sein, dass man sein Kind überhaupt hatte, ist so leicht gesagt, wenn man es jede Minute vermisst, wo es nicht mehr bei einem sein darf und die Gedanken an es und um es nur so im Kopf sprudeln. Das ist hammerhart. Du schreibst, du wendest das an, was du deinen Klienten beibringst. Ich wünsche dir, dass die schönen Erinnerungen an eure gemeinsame Zeit, dir helfen damit fertig zu werden. Liebe Grüße…

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  3. Ja, das ist schlimm – wir hatten das in unserer Familie zweimal, und der 95jaehrige Patenonkel, der in seinem Rollstuhl am frischen Grab meines Vaters, dem Patenkind, stand und … „einfach nur“ gebrochen aussah.

    Und ich denke auch an die vielen Frauen, die ein ungeborenes Baby verlieren. Nicht alle sprechen darueber, und nicht alle kriegen Verstaendnis fuer ihren Schmerz, denn die Umgebung vergisst zu schnell dass es so ein Kind ueberhaupt gegeben hat. Sie haben es ja nie gesehen. Eine paarundsechzigjaehrige Verwandte postet noch jedes Jahr auf Facebook an dem Tag an dem sie, vor etwa 40 Jahren, ihr totes Maedchen gebaeren musste…

    Es ist schlimm, seine Eltern zu verlieren, aber ich denke mir dann auch, umgekehrt waere es doch wirklich furchtbar, und eins von beidem muss es halt leider sein…

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  4. Etwas in der Art habe ich durch, als ich die Nachrichten über die Loveparade-Katastrophe in Duisburg mitbekam. Warum? Weil meine Tochter da war. Da rief ich sofort an und sie ging nicht ans Telefon. Mehrere Stunden nicht! Später dann doch und ich erfuhr, dass sie hautnah alles mitbekommen hat und auch die Rettungskräfte bei den Wiederbelebungsmaßnahmen beobachtet hat, dass gestolper über zahlreiche Schuhe, Zäune usw.
    Sie blieb unversehrt. Andere nicht. Ich war zu Hause und konnte nichts tun.

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