Weihnachtsgeschichte Episode 3

„Ähm,…bitte… Bitte, …es tut mir wirklich sehr leid“, stammelte Heinrich.

Er nahm mit zittrigen Händen, einen alten Lappen, wedelte damit über eine verstaubte Holzkiste, die ihm allem Anschein nach als Stuhl diente, und bat den Zwerg, der wie ein Soldat, mit in den Hüften gestemmten Armen vor dem Sack stand, mit einer Handbewegung und ängstlichem Blick, Platz zu nehmen.

„Ich bin es nicht mehr gewohnt, mich mit jemanden zu unterhalten und kann es immer noch nicht richtig glauben, dass ich jetzt mit einem Zwerg rede. Aber ich möchte versuchen, es zu erklären – das mit dem Sack!“

Rofibald-Geruwim zögerte, nahm aber schließlich doch Platz. „Dann leg mal los, ich habe ja nicht ewig Zeit. Im Morgengrauen endet meine Schicht und bis dahin muss der Sack wieder an seinem ursprünglichen Abstellort stehen.“ Die Skepsis in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Trotz seiner militanten  Art und Weise, den Sack zu schützen, spürte Heinrich etwas, das er nicht beschreiben konnte. Der Zwerg strahlte trotz allem Güte und Warmherzigkeit aus. Das machte ihm Mut und er begann zu erzählen.

„Es ist schon viele Jahre her, da lebte ich glücklich mit meiner Frau in einer kleinen Stadt. Ich war Schuster und hatte immer gut zu tun. Kinder waren uns verwehrt, so arbeitete meine Frau ebenfalls und half im Haushalt einiger Herrschaften.

Wir brauchten nicht viel, waren zufrieden mit dem was wir hatten. Wir liebten einander und unser größtes Glück war es, anderen zu helfen so gut es ging. Wir hatten einen kleinen Garten hinterm Haus, in dem wir Gemüse, Kartoffeln und etwas Obst anbauten. Wir teilten unsere Ernte mit den Ärmsten der Stadt und wenn die besser gestellten Herrschaften in meine Werkstatt kamen und ihre alten Schuhe bei mir abgaben, weil sie sich neue machen ließen, reparierte oder reinigte ich die alten Schuhe und schenkte sie den armen Menschen, die sich gar keine leisten konnten.“

Der Zwerg, der aufmerksam zuhörte bemerkte, dass Heinrichs Augen sich mit Tränen füllten. Heinrich erzählte mit stockendem Ton weiter:

„Dann geschah etwas, das mich völlig aus der Bahn warf. Meine Frau stand eines Abends am Herd. Sie war dabei, unser Essen für den nächsten Tag vorzubereiten. Plötzlich schwankte sie hin und her. Sie rief meinen Namen, aber bis ich zu ihr eilen konnte, stürzte sie zu Boden und verlor die Besinnung. Später, als sie ihr Bewusstsein wiedererlangte und der herbeigerufene Arzt sie untersuchte, erzählte sie mir, dass sie schon oft Schwindelanfälle gehabt, diese aber nicht ernst genommen hatte und mich auch nicht beunruhigen wollte.  Es stellte sich heraus, dass sie schwerkrank war.“ Heinrich räusperte sich einmal kräftig, weil ihm die Stimme wegzubleiben drohte. Ihm schien, als würde er alles noch einmal erleben.

„Ich gab alles, was wir hatten, um ihr die beste Behandlung zukommen zu lassen und um einen guten Arzt zu bekommen. Doch es half alles nichts, schon nach kurzer Zeit verstarb sie.“  Eine Träne lief über seine Wange. Mit dem Handrücken wischte er sie sich aus dem Gesicht und fuhr fort:

„Anfangs arbeitete ich noch weiter in meiner Werkstatt. Die Armen, denen wir geholfen hatten, versuchten auch mir zu helfen, so wie es ihre Möglichkeiten zuließen. Doch ich wurde immer verbitterter und griesgrämiger. Mich übermannte der Schmerz über den Verlust meiner geliebten Frau so sehr, dass ich mich dem Alkohol verschrieb. Nachdem der Wein mein täglich Brot wurde, wurde ich dazu noch ungehalten und ungerecht. So zogen sich über die Jahre, auch die Armen von mir zurück und als ich den besseren Herrschaften keine schönen Schuhe mehr machte, statt dessen brüllend und stinkbesoffen immer wieder durch die Stadt zog, blieben auch die fern. Irgendwann war auch das letzte Geld ausgegeben. Es blieben mir ein paar Vorräte und ein paar Liter Wein.“ Traurig starrte er zu Boden.

„Eines Abends, als ich gerade beim Abendessen saß und wiedermal einen Krug Wein getrunken hatte, klopfte es an meiner Haustür. Ein kleiner Junge stand vor mir, mit zerschundenen Kleidern am Leib, ohne Schuhe, obwohl es bereits Spätherbst war. Um seinen Hals hing eine kleine, durchsichtige, halb gefüllte Wasserflasche. Freundlich bat er um ein Stückchen Brot.

Ich fuhr ihn derb an, dass er weiterziehen solle, ich müsse mir selber helfen. Als ich ihm die Tür vor der Nase zuknallte, trafen sich kurz unsere Blicke. Ich hatte das Gefühl, Mitleid in seinen Augen gesehen zu haben. Der Gedanke verwirrte mich.

Ich hörte, wie er sich entfernte. Als ich mich wieder an meinen Tisch setzen wollte, sah ich durch das Fenster, dass der Junge ein paar Meter weiter, einem alten Mann, der am Straßenrand saß, seine Wasserflasche reichte und mit ihm den Inhalt teilte.“ Heinrich hielt sich die Hände vors Gesicht, als könne er damit verhindern, diese Bilder in seinem Kopf sehen zu müssen.

„Es war, als würde eine Schwertspitze mein Herz treffen. Ich erkannte in diesem Moment, was ich gerade getan hatte. Nein, ich erkannte, was ich in all der Zeit, nach dem Tod meiner Frau, nicht mehr getan hatte. Ich hatte unser Leben verraten! Das Gute, das wir früher immer getan hatten, hatte ich in Böses verwandelt.“ Er senkte seinen, tief von sich selbst enttäuschten Blick und sprach weiter:

„Ich wäre vor lauter Scham, die mich überkam, am liebsten im Erdboden versunken. Ich schämte mich so sehr, dass ich den Gedanken nicht ertragen konnte, auch nur einem Bürger unserer Stadt noch ins Gesicht sehen zu müssen.“

Wild gestikulierend untermalte Heinrich seine weitere Erzählung: „Wütend auf mich selbst, warf ich mit einem lauten Aufschrei den Krug an die Wand. Kurzentschlossen packte ich ein Bündel mit etwas Kleidung und meinen letzten Essensreserven. Ich füllte meinen Wasserbeutel, hing mir noch ein zweites Paar Schuhe über die Schultern und zog los. Mit gesenktem Haupt und schnellen Schrittes verließ ich die Stadt. Bald schon lag sie weit hinter mir. Ich zog von Ort zu Ort, über Wiesen und Felder, von denen ich mich mit Kartoffeln, jeglichem Gemüse, Obst, Pilzen und Kräutern versorgte. Ich traute mich in keine Ortschaft. Meine Angst, mein Ruf könnte mir vorausgeeilt sein, ließ sie mich nicht los.

Schließlich fand ich ein paar Bretter, aus denen ich diesen „Fußboden“ zusammenlegte. Mit etwas Pappe, baute ich mir diese Wände drum herum und ein Dach. So konnte ich mich etwas vor Wind und Wetter schützen. Dann kam jetzt der erste Frost und der Schnee. Ich fand draußen nichts mehr zu essen. In den letzten Tagen habe ich mir das letzte Obst eingeteilt, aber auch das ist nun aufgebraucht.

„Dann,…dann stand da plötzlich dieser Sack vor mir….ich, …ich wollte doch niemandem etwas stehlen, ich …ich habe nur solch einen furchtbaren Hunger“, brachte er – nun wieder stotternd – hervor.

Wie zur Bestätigung, knurrte nun sein Magen so laut, dass er klang, wie ein wütender Braunbär.

„Wie gern würde ich alles ungeschehen machen. Liebend gern wäre ich wieder in meiner Heimatstadt. Wir hatten sie doch, mit all ihren Menschen, so geliebt,“ sagte er zum Abschluss und verstummte.

Rofibald-Geruwim schaute auf seine Rufwurzel…

13 Gedanken zu “Weihnachtsgeschichte Episode 3

  1. Du hast die Geschichte ganz zauberhaft fortgesetzt. Zauberhaft, und wunderschön… 🙂
    Man kann sich das alles sehr gut vorstellen und fühlt mit Heinrich. Das Leben ist manchmal so ungerecht und geht so verschlungene, unbegreifliche Wege. So ist es Heinrich ergangen. Mir tut er auch leid. Wie dem kleinen bettelarmen Jungen. Oder war der in Wirklichkeit gar nicht bettelarm? War sein Erscheinen bei Heinrich eine Prüfung? Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht und was Rofibald-Geruwim als nächstes tun wird.

    Gefällt 3 Personen

    • Vielen Dank! Ja, wer weiß, wer der Junge wirklich war. Ich bin auch sehr gespannt auf die nächste Folge und überhaupt auf das was am Ende dabei herauskommt. Bestimmt ein glücklicher Zwerg, glückliche Kinder und ein glücklicher Bettler, der vielleicht dann keiner mehr ist. 🙂

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  2. Tolle Fortsetzung. Die Maßstäbe sind hoch hier und wir wird etwas bange wenn ich dran bin, lach. Da kann man sehen wie schnell ein unvorhergesehenes Ereignis Menschen aus der Bahn werfen kann und dann noch Alkohol und das Unheil nimmt seinen Lauf. Doch es gibt auch Menschen die bereit sind zu helfen und eine helfende Hand reichen denn jeder hat eine zweite Chance verdient….

    Gefällt 2 Personen

  3. Du hast Heinrichs Geschichte total schön und traurig zugleich geschrieben. So ähnlich ging es mir tatsächlich auch im Kopf zu, dass ein Teil seines Lebens von seiner Frau mit eingebaut wird. Was wird wohl Rofibald nun tun? Er hat sicherlich eine gute Idee. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich alles zum Guten wenden wird. 😃

    Gefällt 1 Person

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