Weihnachtsgeschichte Episode 7.2

Gemeinsam machten sich nun alle auf den Weg. Die anderen Zwerge flitzten schon bald voraus, da sie sich um das Dorf herum in den Tannen verstecken würden. Langsam stiefelten Rofibald-Geruwim, Heinrich und Josef durch den hohen Schnee, als Rofibald-Geruwim plötzlich stehen blieb. „Ich muss mich hier leider von euch verabschieden,“ sprach er zu Heinrich und Josef, „da ich unerkannt bleiben muss. Aber eine Neuigkeit habe ich noch für dich.“, sagte der Zwerg nun zu Heinrich gewandt. Heinrich schaute ihn verwundert an. „Da du nun, genau wie Josef, auch ein Helfer geworden bist, bekommst du einen neuen Namen. Von nun an wirst du von uns Bonum genannt. Bonum, der Gute.“ Heinrichs Brust erfüllte sich mit Stolz. Er kniete sich nieder und umarmte den kleinen Zwerg: “Ich bin dir so dankbar lieber Rofi!“ Rofibald-Geruwim klopfte ihm auf die Schulter: “Du kannst alles schaffen, Bonum. Glaube immer an dich und sei guter Hoffnung. Du wirst sehen, alles wird sich zum Guten wenden.“ Daraufhin verschwand der kleine Mann mit seiner Kiepe. Nur Sekunden später erscholl ein Lachen und ein lautes Ho-Ho-Ho über Heinrichs und Josefs Köpfen. Der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten, mit den Rentieren voran, flog über beide hinweg und winkte ihnen zu. Beide Männer winkten freudestrahlend zurück.

Nun musste Heinrich den letzten Schritt hinunter ins Dorf ohne Rofibald-Geruwim und die anderen schaffen. Zwar hatte er Josef an seiner Seite, dennoch wurde ihm immer flauer im Magen, je näher sie ihrem Ziel kamen. Er steckte seine Hände tiefer in die Jackentaschen und spürte in der einen die Schatulle seiner Frau, die ihm Josef kurz vor ihrem Aufbruch gegeben hatte. Es beruhigte ihn, zu wissen, dass sie die gesamte Zeit in guten Händen war, wenngleich Josef sie ursprünglich aus niederen Gründen an sich genommen hatte. Heinrich wollte nicht an Diebstahl oder Habgier denken, dafür war er zu dankbar, seinen alten Freund wieder gefunden zu haben.

Er betastete die einzigartige Herzform der Schatulle und dachte an seine liebe Frau. Wie sehr sie sich doch freuen würde, dass er den Zwergen bei den Geschenken half. Sie hatte Weihnachten doch von allen Festen am meisten geliebt, sogar mehr als ihren Geburtstag.

Heinrich erinnerte sich zurück an ihr letztes gemeinsames Weihnachtsfest, wie sie in der Küche stand und das Weihnachtsessen vorbereitete. Sie wollte nie Hilfe, hatte immer alles allein gemacht. Auch das Schmücken des Hauses und des Weihnachtsbaumes. Und am Heiligen Abend hatte sie Heinrich dann mit dem Zauber der Weihnacht überrascht.

Eine kleine, kaum wahrnehmbare Träne kullerte über Heinrichs Gesicht. Seine Frau war seine Kraft, seine Stütze, sein Licht und seine Liebe. Plötzlich spürte er, wie die Schatulle in seiner Jackentasche sich leicht bewegte und sogar zu vibrieren begann. Vor lauter Überraschung holte er sie aus der Tasche. Genau in diesem Moment öffnete sie sich einen kleinen Spalt breit. Aus ihr heraus kam eine Art Engelsschein und eine Stimme flüsterte: „Ich bin das Gute, das Glück und die Liebe. Hast du mich für dich, geht es dir für immer gut. Teilst du mich, geht es dir noch besser.“

Heinrich blieb wie angewurzelt stehen. Das war die Stimme seiner Frau. Er musste die Worte sacken lassen und begreifen, was hier gerade geschah. Ein tiefes Gefühl des Friedens machte sich in seinem Inneren breit und schien ihn zu wärmen. Wenig später, als er mit seinen Gedanken wieder in das Hier und Jetzt zurückkehrte, bemerkte er, dass sie bereits im Dorf angekommen waren. Die Einwohner standen vor der Kirche. Sie wollten die Christmette besuchen. Lebhaft und gleichzeitig besinnlich ging es hier zu. Die Kinder schnatterten, was das Zeug hielt, erzählten sie sich doch von ihren Geschenken. Leise rieselte der Schnee. Die Glocken klangen in der Nacht und über allen lag der Zauber der Weihnacht. Gerade, als sie die Kirche betreten wollten, wurden sie auf die beiden großen Männer aufmerksam, die auf sie zu kamen. „Schaut mal da!“, rief ein Kind, „Das sind doch Heinrich und Josef!“ Begleitet von aufgeregtem Geflüster richteten sich alle Blicke auf die Ankömmlinge.

Zaghaft trat Heinrich auf die Dorfbewohner zu, die ihn sogleich umringten. „Wo bist du gewesen? Wir haben uns große Sorgen gemacht! Wie geht es dir?“ So viele Fragen schlugen Heinrich entgegen, dass er gar nicht wußte, welche er zuerst beantworten sollte. Er fasste sich ein Herz und sprach zu den Menschen, die einmal seine Freunde und Nachbarn waren: „Ich habe einen großen Fehler gemacht. Mein Herz ist durch die Trauer um meine Frau versteinert. Um mein Leid zu betäuben griff ich zur Flasche, die schon sehr bald mein neuer, aber leider falscher Freund wurde. Doch meine wahren Freunde, nämlich ihr, die mir immer hilfreich zur Seite standen, habe ich verstoßen. Ich bitte euch inständig um Verzeihung.“ Zuerst war es ruhig. Doch schnell ging ein freundliches Raunen durch die Menge. In mehr und mehr Gesichtern zeigte sich ein Lächeln, und schließlich ergriff der Dorfälteste das Wort und sprach: „Ach Heinrich! Wir haben dir doch schön längst verziehen! Jeder macht mal Fehler, doch für Einsicht und Reue ist es nie zu spät. Du und deine Frau, ihr habt soviel Gutes für unser Dorf getan. Jetzt tun wir dir Gutes und du bist noch immer in unserer Gemeinschaft willkommen.“

Tränen liefen Heinrich übers Gesicht. Das war sein größtes und schönstes Geschenk, denn hier zu Weihnachten konnte er erleben, was Nächstenliebe, Verzeihen und Miteinander bedeuteten.

Plötzlich sah man ein Strahlen in Heinrichs Hand. Der Deckel der Schatulle öffnete sich und ein Schweif aus tausenden kleinen, flimmernden Sternen schwebte über die Köpfe der Menschen. Staunend schauten alle nach oben und beobachteten die Erscheinung. Ein fast berauschendes, gemeinschaftliches Glücksgefühl stellte sich bei den Menschen auf dem Dorfplatz ein, denn hier geschah gerade vor ihrer aller Augen ein Wunder. Die Magie der Liebe, des Vertrauens und des Glücks war an diesem Weihnachtsabend wahr und sichtbar geworden.

Es wurde ein Weihnachtsfest, wie es sich Heinrich noch vor ein paar Tagen nicht zu erträumen gewagt hätte. Nie würde er nun vergessen, wie es ihm hier ergangen war. Jedes Jahr vor Weihnachten würde die Erinnerung daran wiederkehren, wenn er mit Josef und den Zwergen das nächste Fest vorbereiten würde, um auf´s Neue Liebe, Vertrauen und Glück zu den Menschen zu bringen.

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