Zum Kuckuck…

Es gibt eine schwedische Tradition namens Gökotta. Gökotta bedeutet, daß man in einer Gruppe zeitig am Morgen raus in die Natur geht, um dort Vögel zwitschern, speziell aber den Kuckuck rufen zu hören. Damit verbunden macht man ein gemeinsames Morgen-Picknick und trinkt einen „Nubbe“. Nubbe ist ein kleiner Schnaps, etwa ein halbes Gläschen Brantwein, das natürlich nur die Erwachsenen trinken, dafür manche von denen auch aber gern in der Mehrzahl… 😉 In unserer Gegend wird der Gökotta traditionell am Christihimmelfahrtstag begangen. Natürlich hat man nicht immer das Glück, ausgerechnet zu dem Zeitpunkt und an dem Ort, den man dafür auserkoren hat, wirklich den Kuckuck rufen zu hören. Das ist ja aber in Gemeinschaft bei einem schönen Picknick (hierin sind die Schweden, glaube ich, ohnehin Weltmeister) nicht so schlimm. Nächstes Jahr gibt es ja wieder eine Chance…

Vor ein paar Jahren beschlossen unsere Lieblingsnachbarn, mit uns den Gökotta auf den Abend vor dem Christihimmelfahrtstag vorzuverlegen, da es am nächsten Morgen unangenehm kalt sein und regnen sollte. Sie haben uns damals diese Tradition erstmalig nahe gebracht.

Wir selbst wohnen ja schon mitten in der Natur – so, wie wir uns das in Deutschland niemals hätten leisten können. Unsere Nachbarn toppen unsere Wohnlage aber noch um einiges. Haus und Grundstück gehören schon seit ein paar Generationen der Familie unseres Nachbars. Es ist wunderschön. Hinter dem Haus befindet sich ein Berg, auf dem wir manchmal Lagerfeuer machen oder gemeinsam grillen. Ein Lagerfeuer mit Picknick da oben war auch für diesen Abend angedacht.

Wir wußten natürlich, dass die Chance, den Kuckuck tatsächlich rufen zu hören, eher gering war. Das tat der Freude an unserer gemeinsamen Unternehmung aber keinen Abbruch. Wir packten alles, was wir benötigten, in eine Schubkarre und auf ging es den Berg hinauf. Er ist nicht wahnsinnig hoch, aber warum soll man es sich unnötig schwer machen und schon außer Puste am Ziel ankommen, wenn es auch anders geht?

Oben angekommen wurden gleich die Aufgaben verteilt. Holz sammeln, Feuerstelle vorbereiten, Feuer entzünden (so, dass es auch wirklich brennt…), alles Mitgebrachte auspacken und zurechtlegen – alles, was man eben in so einem Fall so tut… Die Schubkarre, auf der sich weitere Holzscheite und ein paar „Notfalljacken“ befanden, wurde dann ein wenig abseits abgestellt, denn der Abend sollte ja in keiner Weise nach Arbeit aussehen. 😉

Als alles fertig war und das Feuer brannte, gingen wir zum gemütlichen Teil über. Wir aßen in aller Ruhe die leckeren Sachen, die wir vorbereitet und mitgenommen hatten, tranken heißen Tee, Kaffee, einen Nubbe, und unterhielten uns wie immer sehr angeregt. Wir lachten und genossen alle vier diesen „außerordentlichen Gökotta“. Auf das Feuer wurden hin und wieder ein paar neue Scheite aufgelegt, damit es nicht zu weit runter brannte und es ungemütlich werden konnte.

Als der Abend schon etwas fortgeschritten war, hörte ich zu meiner riesigen Freude plötzlich den Kuckuck rufen. Nur einmal, aber ich war mir sicher, dass ich mich nicht verhört hatte. Regelrecht aufgeregt vor Freude fragte ich die anderen sofort, ob sie den Ruf auch gehört hätten, was aber leider nicht der Fall war.

‚Hoffentlich ruft der Vogel noch einmal, damit die anderen nicht glauben, dass mir der Nubbe zu Kopf gestiegen ist‘, dachte ich. Aber nichts geschah. Wir lachten und schwatzten weiter. Das Feuer brannte und wurde allmählich wieder etwas kleiner. Unser Nachbar holte gerade Nachschub von der Schubkarre, als der Kuckuck wieder rief. Ich sprang von meinem Sitzplatz auf und fragte die anderen ganz aufgeregt, ob sie den Ruf jetzt gehört hätten. Sie sahen mich an, verneinten, verharrten aber auch bei dem, was sie gerade getan hatten. Ich war schon fast etwas traurig geworden, da ich meine Freude nicht teilen konnte, als der Kuckuck wieder rief. Und wieder, und wieder, und wieder. Jetzt hörten es alle, denn wir waren ja für den Moment mucksmäuschenstill. Und wieder… Der Ruf war sogar recht nahe! Mit vor Freude und Begeisterung glänzenden Augen und einem Breiten Lächeln auf den Lippen sah ich die anderen triumphierend an. Und wieder der Ruf. Ich schlich, so leise es ging, in die Richtung, aus der der Ruf kam. Der Nachbar mußte den Ruf ja sogar noch deutlicher hören, als wir, denn die Schubkarre, an der er gerade zugange war, stand genau in der Richtung. Und wieder…

Wie in Zeitlupe sehe ich noch heute vor meinem geistigen Auge, wie der Nachbar ganz langsam den Arm unter einer der Ersatzjacken hervorzieht und etwas in der Hand hält. Ein Buch. Ich erkannte es sofort wieder, denn wir besitzen das gleiche. Auf Seite 118 ist der Kuckuck abgebildet. Nebst seiner Beschreibung steht auf dieser Seite auch die Zahl 082. Sie verweist auf die Tondatei mit der Nummer 082. Wenn man am rechten Rand des Buches die Nummer 082 aufruft und dann den „Play“-Knopf drückt, dann hört man einen Kuckuck rufen. Den Ruf kann man natürlich wieder und wieder abspielen. Ein tolles Buch ist das.

Gut vorbereitet, Herr Nachbar!

Ich muß diese Geschichte immer mal wieder irgendwem erzählen, da ich sie zu lustig finde und auch über mich selbst lachen kann. Gleichzeitig zeigt sie mir, dass unsere Nachbarn uns wertschätzen und uns auch gern eine Freude machen. Das beruht auf Gegenseitigkeit und es muss überhaupt nichts kosten, andere Menschen für einen Moment glücklich zu machen.

https://www.fågelsång.se/goek/
gök

 

5 Gedanken zu “Zum Kuckuck…

  1. Na, da hat man Dich ja schön an der Nase herumgeführt. Aber die Idee könnte von mir sein *zugeb*
    Davon mal abgesehen finde ich den Brauch des Picknicks am Himmelfahrtstag zum „Kuckuck lauschen“ toll. Ich stelle es mir recht gesellig und lustig vor.
    Na denn, zum Kuckuck nochmal!

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    • Mein Mann würde sowas auch leicht zustande bringen… 😉
      Und wenn es sowas herzliches ist, dann darf man mich sehr gern an der Nase rumführen. 🙂
      Der Kuckuck war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das ist die Hauptsache. 😀
      Und gesellig war der Abend allemal… 🐦🌳🐾🔥🥃🥪☕

      Gefällt 1 Person

  2. Ich finde diesen Brauch auch wunderbar. Es gibt so vieles, was man nicht kennt.
    Aber den Trick, den dein Nachbar angewendet hat, war ja wirklich zu lustig. 😂 Seh es so bildlich vor mir.

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