Apfelschwestern

apfelschwestern.jpeg
Bildquelle: http://www.depositphotos.com

Meine beste Freundin Anna und ich aßen für unser Leben gern Äpfel. Sie liebte Boskop und ich Cox Orange. Ab Ende August verbrachten wir unsere Freizeit nach der Schule auf und in den Apfelbäumen.
Die hellen Klaräpfel kamen zuerst, sie schmeckten nach Zitrone, und wenn sie erst einmal angebissen waren, konnten sie gar nicht so schnell gegessen werden, wie sie innen schon wieder braun wurden. Klaräpfel wurden nicht verkocht, ihr Aroma verflog wie der Augustwind, unter dem sie gereift waren. Dann kamen langsam die Cox-Orange Bäume, zuerst der große, der so nahe am Haus stand und von den roten Klinkersteinen, die tagsüber die Hitze gespeichert hatten, bestrahlt wurde, sodass seine Früchte immer größer, süßer und früher reif waren, als die der anderen Apfelbäume. Ab Oktober waren dann alle Apfelbäume so weit.

Im Herbst duftete unser Haar nach Äpfeln, unsere Kleider und Hände sowieso. Anna und ich kochten zusammen Apfelmus und Apfelgelee und meistens hatten wir Äpfel in den Taschen und angebissene Äpfel in der Hand. Anna hatte die Angewohnheit, erst einen breiten Ring um den Bauch des Apfels zu essen, dann vorsichtig unten um die Blüte, dann oben um den Stiel, das Kerngehäuse warf sie im hohen Bogen fort. Meine Freundin aß langsam und genussvoll, von unten nach oben – alles. Auf den Kernen kaute sie noch stundenlang herum. Als ich ihr einmal vorhielt, dass die Apfelkerne innen giftig seien, erwiderte Anna, das könne nicht sein, denn sie schmeckten doch nach Marzipan. Und außerdem aßen doch die meisten Menschen so ihre Äpfel.

Ich vermisse Anna, ihre bestechende Apfellogik und den Apfelgeruch, der immer von ihr ausging.

14 Gedanken zu “Apfelschwestern

  1. Apfel und Brot macht Wangen rot. Es gibt doch nichts besseres als ein Apfel zur Brotzeit. Ich weiß nicht, ob die heutigen Schüler noch einen Apfel zum Pausenbrot essen. Ein Apfel ist sehr vitaminreich und schmeckt gut. Dieses Jahr gibt es besonders viele Äpfel – ich vertilge auch gerade einen. Dein Beitrag hat mich animiert.

    Liken

  2. Das ist eine wirklich schöne Geschichte.
    Ich habe früher auch immer den ganzen Apfel gegessen und hatte zum Schluß nur noch den Stiel in der Hand. Auch mir hat vor Jahren irgendwer gesagt, dass die Kerne nicht gesund wären. Seitdem entsorge ich den „Kriebs“, wie wir Sachsen dazu sagen. 😀
    Wo ist denn deine Apfelschwester heute, wenn ich fragen darf?

    Liken

    • Ich danke dir fürs Lesen und dein Lob, Bertha. 🙂

      Anna, die real einen anderen Namen hatte, starb mit gerade mal 16 Jahren an einem Aneurysma im Kopf. Sie kippte am Abendbrotstisch in Anwesenheit ihrer Eltern plötzlich zur Seite und war sofort tot.

      Gefällt 1 Person

  3. Eine traurig schöne Geschichte die ich hier lesen konnte. Ein Leben, dass viel zu früh beendet war . Tragisch für die ganze Familie. Ich denke, oft wenn du einen Apfel isst, denkst du an deine Freundin, die für immer gehen muste.

    Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s