Die Kerze im Fenster

In den letzten Herbstwochen war es in Hamburg sehr windig draußen. Die große Fichte, die hinterm Haus steht, und die ich vor meinem Wohnzimmerfenster aus so gern beobachte, wogte in den Windböen hin und her.

Und als ich so aus dem Fenster blickte und meine Gedanken sich verselbständigten, erinnerte ich mich an meine Oma Spatzi (Ich nannte sie so, weil sie lange einen dunkelblauen, sehr zutraulichen Wellensittich hatte, der fast 17 Jahre alt wurde. Diesen Vogel wurde von meiner Oma liebevoll Spatzi genannt.), zu der ich ein inniges Verhältnis hatte. Ich muss sieben, acht Jahre alt gewesen sein, es stürmte draußen und wir hatten es uns im Wohnzimmer mit einer Tasse heißem Tee gemütlich gemacht, als meine Oma aufstand und mit einer brennenden Kerze in einem altmodischen Halter wieder zurückkam. Sie stellte die Kerze auf die Fensterbank, wo sie vor sich hinflackerte.


Quelle: http://www.photocase.de

„Wenn es draußen so stürmt wie heute, dann stellen die Menschen in den Küstenregionen eine brennende Kerze ins Fenster, damit die Seeleute wieder heil nach Hause zurückfinden“, erzählte Oma Spatzi mir und ich machte große Augen. Zu der Zeit wollte ich noch Seeräuberin werden und stellte mir das Leben auf einem Schiff wie ein großes, reizvolles Abenteuer vor. „Das Leben auf einem Schiff ist harte Arbeit“, erzählte meine Oma weiter und dachte sich spannende Geschichten über kleine Mädchen aus, die zur See fuhren, aber nie den Kontakt zur Heimat und ihrer Familie verloren. In unserer Fantasie segelten wir zusammen durch die Weltmeere und erlebten zahlreiche Abenteuer, die immer damit begannen, dass meine Oma eine Kerze ins Fenster stellte.

Ich vermisse diese gemeinsamen Stunden, denn meine Oma Spatzi ist schon seit mehr als dreißig Jahren verstorben. Und wenn ich dann manchmal dazu neige, melancholisch zu werden, sage ich mir, dass glückliche Momente nie vergehen, wenn man sie im Herzen behält.

8 Gedanken zu “Die Kerze im Fenster

  1. Das erinnert mich an meine Kindheit. Da wurden von den Erwachsenen um diese Jahreszeit auch Kerzen auf die Fensterbänke gestellt. Diese hatten bei uns im Binnenland jedoch eine andere Bedeutung damals in den 1950er Jahren. Sie sollten den Kriegsgefangenen und den Verschollenen den Weg nach Hause zeigen.

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  2. Schöne Erinnerungen!
    Ich hoffe, dass solche Erinnerungen auch bei meiner Enkeltochter im Köpfchen bleiben, wenn es mich mal irgendwann nicht mehr gibt. Ich denke, es wird einige bei ihr geben, wir haben ein gutes Verhältnis und immer viel Spaß miteinander, wenn wir uns sehen.

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  3. Zwei Lichtlein

    Es sieht von deinem Fenster
    Ein Lichtlein in die Nacht,
    Es hat in meinem Herzen
    Ein zweites Licht entfacht.

    Ich muß es immer denken
    Und denk es doch nicht aus:
    Fänd‘ doch dies eigne Lichtlein
    Zum Licht in deinem Haus!

    Das gäbe dann ein Leuchten
    Und Strahlen Nacht und Tag. –
    Zwei Lichtlein brennen heller,
    Als eines brennen mag.
    -Ernst Goll-

    Eine schöne Sitte…

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