Weihnachtsgeschichte 2019 – Episode 6 (inkl. Audioversion)

Das Schneewunder

Episode 6 von Brathahn

Odio Nix war traurig und wütend zugleich. Irgendwie wusste er, dass er früher einmal glücklich war. Warum er es aber nicht mehr war, das wusste der Gnom nicht. Schon so lange er zurückdenken konnte, war er verbittert, wütend, hasste den Schnee und glückliche Menschen. Aber auch genauso lange versuchte er sich an sein Glück zu erinnern, was ihm aber einfach nicht gelingen wollte.

Wütend darüber widmete er sich wieder der Vorbereitung seines bösen Plans. Er wollte nichts dem Zufall überlassen. Gleich neben der Wurzel, auf der er saß, war unter einer Fichte noch ein Rest Schnee. Genau den brauchte er jetzt, denn das Rabitum musste unbedingt noch getestet werden, damit ja nicht im letzten Moment noch etwas von seinem Plan schiefgehen konnte.

Also ging er zu dem Schneehaufen, träufelte etwas vom Rabitum darauf und hielt den Auffänger bereit. Er flüstere die Verwandlungsformel und ganz langsam schien es ihm, als würden sich die Schneekristalle verändern. Aber noch bevor sie sich wirklich verwandelten, wurde es ihm auf einmal schwarz vor Augen und er sank in sich zusammen.

Währenddessen war Tytola in Odio Nix‘ Hütte vollkommen erschüttert. Sie konnte kaum fassen, was sie in der verschlossenen Schatulle gefunden hatte, die verstaubt hinter einer großen Holzkiste in einer finsteren Ecke der Hütte gestanden hatte. Kurz überlegte sie, was nun zu tun war und beschloss, auf schnellstem Weg ins Dorf zu gehen. Sie musste unbedingt mit Heinrich und Josef besprechen, was sie jetzt unternehmen konnten, nachdem durch die Sachen aus der Truhe auf einmal ein ganz anderes Licht auf die Vorkommnisse gefallen war. Also verließ sie die Hütte und machte sich auf den Weg.

Finn schaute Wopsi mit großen Augen an. Was sollten sie jetzt tun? Gerade hatten sie beobachtet, wie Odio Nix in einer dunklen Ecke irgendwas gemacht hatte. Was, das konnten sie nicht erkennen. Aber sie hatten deutlich gesehen, dass der Gnom auf einmal in sich zusammengesackt war..

Wopsi huschte los, beschnüffelte den Gnom vor Ort vorsichtig und gab Finn dann schwanzwedelnd ein Zeichen. Der verstand sofort, dass keine Gefahr bestand und ging nun ebenfalls zu Odio Nix. Der Gnom lag da, atmete ruhig, schien aber nichts zu merken und tief und fest zu schlafen. Sie wussten nicht genau, was sie tun sollten, aber um genau sehen zu können, ob es vielleicht eine Verletzung gab, zogen sie Odio Nix gemeinsam erst einmal etwas ins Licht. Finn zog mit beiden Armen und Wopsi mit seinen Zähnen. Gut dass der Gnom so klein war, denn nur dadurch konnten die Beiden es überhaupt schaffen. Gerade, als Finn den Gnom genau betrachtete, kam Odio Nix langsam wieder zu sich. Er setzte sich auf, schaute den Jungen und seinen Hund erstaunt an und fragte: „Was ist passiert? Was mache ich hier und wer seid ihr?“. Finn reagierte ganz clever und sagte: „Ich bin Finn und das ist mein Hund Wopsi. Wir sind hier Gassi gegangen und haben dich hier liegen sehen. Was ist passiert?“. Dass sie ihn beobachtet hatten, sagte er natürlich nicht…

„Ich habe keine Ahnung.“, sagte der Gnom und schüttelte leicht den Kopf, „Ich weiß nicht, warum ich hier bin!“

Tytola war zwischenzeitlich bei Heinrich und Josef angekommen. Alle wurden ruhig und nachdenklich, als Tytola ihnen erzählte, warum Odio Nix so geworden war, wie er jetzt war. Einst war er ein junger und hübscher Gnom, frisch verliebt wollte er seiner Angebeteten bald einen Antrag machen. Doch dann kam dieser verhängnisvolle Tag, als er sich vom Wald aus auf den Weg zu seiner Liebsten machte. Nur sie im Sinn, stapfte er durch den Neuschnee, ohne zu beachten, wo er lang ging und wohin er trat. So kam er ein ganzes Stück vom Weg ab in einen Teil des Waldes, von dem jeder Gnom wusste, dass dort alte Artefakte aus der Vergangenheit der Gnomgemeinschaft verborgen waren, die gut bewacht wurden und denen sich niemand zu nähern hatte. Aus Respekt vor der Geschichte hielt sich jeder daran. Odio Nix aber war mit seinen Gedanken nur bei seiner Angebeteten und überlegte sich wieder und wieder die Worte, die er sich schon für sie zurechtgelegt hatte. Es kam, wie es kommen musste. Odio Nix stolperte über eine Wurzel und fiel auf eine im Dickicht versteckte Kiste, die durch seinen Aufprall samt Inhalt in tausend Teile zerbarst. Er konnte sich gar nicht so schnell aufrappeln, da standen plötzlich schon die Wächter der Gnomgemeinschaft um ihn herum. Er versuchte zu erklären, was passiert war, fand aber kein Gehör. Die Wächter hielten sich genau an die seit Jahrhunderten überlieferten Vorschriften für so einen Fall. Diese besagten, dass die Strafe dafür ein Fluch zu sein habe. Die gesamte Erinnerung und das gesamte Glück eines Schuldigen sollte in einer Schatulle verschwinden, die dieser nie wieder öffnen können sollte. Er sollte sich also nie wieder an seine Vergangenheit erinnern können. Um die Strafe aber noch zu verschärfen, sollte er jedes Mal, wenn er versuchen würde, die Schatulle zu öffnen, wieder fühlen, dass irgendwann einmal etwas in seinem Leben anders war. Nur was, das sollte er niemals herausfinden können. Die einzige Möglichkeit, die Erinnerung doch zurück zu erlangen, sollte darin bestehen, dass Fremde die Schatulle öffnen, die Geschichte darin glauben und ihm – egal was er zwischenzeitlich Böses getan hatte – Vertrauen schenken würden.

Heinrich und Josef mussten sich gar nicht erst ansehen, geschweige denn miteinander sprechen, und auch Tytola war am Ende ihres Berichtes ohne ein Wort klar, was die drei jetzt zu tun hatten. Sie machten sich sofort auf den Weg, um Odio aufzusuchen, auch wenn es schon halb dunkel war.

Sie marschierten auf dem kürzesten Weg, mitten durchs Dickicht, in Richtung seiner Hütte. Plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen, als sie Odio Nix erblickten. Er saß zwischen Finn und Wopsi an einen Baum gelehnt und sagte immer wieder: „Ich weiß einfach nicht, was passiert ist und was ich hier mache!“

Wopsi hatte die Herannahenden bemerkt, bellte kurz und rannte auf Heinrich, Josef und Tytola zu. Die hatten ihre Überraschung mittlerweile überwunden und liefen weiter zu Finn und dem Gnom.

Heinrich und Josef traten vor Odio Nix, lächelten ihn freundlich an und halfen ihm auf. „Komm mit, wir müssen dir etwas erzählen“, sagten sie freundlich zu ihm und machten sich mit ihm auf den Weg zu seiner Hütte. Tytola legte den Arm um Finn und ging mit etwas Abstand hinterher, um sich von dem Jungen erzählen zu lassen, was passiert war. In der Hütte des Gnoms, der noch immer nicht wusste, was eigentlich los war, setzten sich alle um den Tisch und Tytola holte die Schatulle aus der Ecke und stelle sie auf den Tisch. Odio Nix guckte etwas überrascht. Seine Stirn legte sich in Falten, und nach einem Moment meinte er: „Was willst du damit? Die steht hier, seit ich denken kann, aber sie lässt sich nicht öffnen.“. Er hatte keine Ahnung, warum sie hierher gegangen waren und was Tytola mit der Schatulle wollte.

Sie lächelte und sagte: „Odio Nix, wir möchten dir etwas zeigen!“ und öffnete zum Erstaunen des Gnoms einfach so den Deckel. Anschließend breitete sie den Inhalt der Schatulle auf dem Tisch aus. Es waren Schriftstücke, Tagebücher, verschiedene kleine Dinge und ein Bild von einer ausgesprochen hübschen Frau.

Als Odio Nix das Bild sah, zuckte er zusammen. Er bekam große Augen, blätterte scheinbar gedankenverloren durch die Schriftstücke, nahm die Bücher in die Hand und stammelte: „Ich glaube es nicht… diese Sachen…dieses Bild…meine Bücher! Das sind die Sachen, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte!“

Dann sprudelte es nur so aus ihm heraus. Er erzählte all die Sachen, die er vergessen hatte, erzählte von den Erinnerungen, die in der Schatulle vor ihm selbst weggeschlossen waren. Jetzt erfuhren alle noch einmal von ihm selbst, wie er einmal gelebt hatte und was mit ihm in jener Nacht geschehen war, als er durch den frisch gefallenen Schnee stapfte. Allen wurde klar, wie sehr er gelitten haben musste in der Zeit, in der er unter dem Fluch gestanden hatte.

Tytola hatte sogar eine Erklärung dafür, wieso ihm beim Testen des Rabitums schwarz vor Augen wurde. Rabitum konnte nicht nur Schnee in den Auffänger schweben lassen, sondern es hatte auch die geheime und eigentlich unbekannte Eigenschaft, in Verbindung mit dem Auffänger Flüche von einem Wesen zu entfernen. Der Gnom hatte sich versehentlich ein paar Tropfen der Flüssigkeit auf seinen Umhang gekleckert, so dass das Rabitum auf ihm seine Wirkung entfalten konnte.

Alle saßen nun eine Weile ganz still am Tisch und mussten erst einmal auf sich wirken lassen, was da in den letzten zwei Stunden geschehen war.

Als Odio Nix die Sachen schließlich wieder in die Schatulle packte, fiel sein Blick nochmals auf das Bild. Er gab es den anderen und erzählte, dass diese Frau damals seine Angebetete war, der es sicher großes Leid bereitet hatte, als er sich ganz plötzlich nicht mehr blicken ließ, weil seine Erinnerung an sie ja ausgelöscht war. Das machte alle ziemlich traurig und wortlos reichten sie das Bild reihum. Finn war der Letzte im Kreis und schon ziemlich müde nach dem langen Tag. Er sah nur kurz auf das Bild und gab es dem Gnom zurück. Der legte es in die Schatulle, schloss den Deckel und als er den Verschluss gerade zuklappte, wurde Finn plötzlich hellwach und sagte:

„Moment mal, ich kenne diese Frau!“

Audioversion, gesprochen von Sigurd

6 Gedanken zu “Weihnachtsgeschichte 2019 – Episode 6 (inkl. Audioversion)

  1. Kein Fluch ohne Gegenmittel. 🙂
    Wenn Liebe blind macht kann sich das Schiksal schnell wenden, selbst wenn beider Liebe ehrlich und rein ist.
    Schön dass nun die „Kiste der Erinnerung“ geöffnet wurde und dass Finn die Frau auf dem Bild erkennt. Nun wendet sich bestimmt alles noch zum Guten und wer weiß? Vielleicht gibt es eine Doppelhochzeit?

    Gefällt 2 Personen

  2. […] Es geht dem Ende zu. Noch 2 Tage dann ist Weihnachten und noch ein paar Tage, verabschieden wir das alte Jahr. Und dennoch, es wird zum Ende hin spannend. Wird Odio seine Martha finden? Ihr glaubt gar nicht, was da noch alles passiert. 😁 Einen besinnlichen 4. Advent wünsche ich euch. 🕯🕯🕯🕯 Hier geht’s zur 6. Episode 👉🏼 https://wirwarenallemalbeiblogde.wordpress.com/2019/12/21/weihnachtsgeschichte-2019-episode-6-inkl-a… […]

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