Weihnachtsgeschichte 2019 – Abschlußepisode Teil 1 (inkl. Audioversion)

Das Schneewunder

Abschlussepisode von allen Autoren – Teil 1

Odio Nix wurde ganz blass, als er Finns Worte vernahm. In seinem kleinen Körper schlug ein großes Herz und er spürte nun schon eine ganze Zeit, wie sehr er diese Frau noch immer liebte. Er verfluchte sich und seine Unachtsamkeit noch immer, hatte er sich doch selbst am meistens damit geschadet.

Alle um ihn herum waren glücklich und zufrieden und ganz aufgeregt wegen des Weihnachtsfests und der bevorstehenden Hochzeit. Schon wollte wieder so etwas wie Neid und Missgunst in ihm aufkeimen. Schnell schob er die schlechten Gedanken beiseite, denn es waren doch diese Menschen, die dazu beigetragen hatten, die Schatulle der Vergangenheit für ihn zu öffnen und die ihm ihr Vertrauen geschenkt hatten. Dankbarkeit und ein Gefühl der Hoffnung machten sich in ihm breit. Sollte er doch noch einen Zipfel Glück in seinem Leben bekommen?

Finn schaute sich unterdessen das Bild der Frau noch einmal ganz genau an. Sie kam ihm wirklich bekannt vor, auch wenn sie auf diesem Bild irgendwie jünger aussah. Seine Gedanken rotierten. Wo hatte er sie nur gesehen? Plötzlich fiel es ihm ein. In der Grundschule hatte sie im letzten Jahr als Bibliothekarin im Rahmen eines Lesewettbewerbes Märchenbücher vorgestellt. Ganz aufgeregt erzählte er es sofort den anderen am Tisch. Nun prasselten die Fragen nur so auf ihn ein, denn natürlich wollten alle wissen, wer diese Frau war. Alle sprachen wild durcheinander. Schließlich verschaffte sich Heinrich lautstark Gehör.

„Ruhe jetzt!“, rief er. „Lasst Finn doch erst einmal zu Wort kommen!“. Und so erzählte Finn, dass er die kleinwüchsige Frau bei gelegentlichen Besuchen im Nachbardorf gesehen hatte, als er sich neuen Lesestoff in der Bibliothek ausleihen wollte. Sie war dort sehr beliebt, denn sie hatte besonders zu Kindern ein freundschaftliches Verhältnis. Ihre kleine Gestalt und ihr Aussehen ließ die Kinder glauben, sie selbst sei einem Märchenbuch entsprungen. Doch leider war sie oftmals tieftraurig und ihr Lächeln erreichte nie ihre Augen. Alle ahnten, dass sie ein tiefes Leid mit sich herumtrug.

Odio Nix Blick wurde wieder traurig, denn er fühlte sich schuldig und für das Leid seiner Liebsten verantwortlich. Wie verzweifelt musste sie sein? Sie hatten einst von der großen Liebe gesprochen und Pläne geschmiedet, und plötzlich war er spurlos verschwunden. Das Herz wurde ihm schwer. Alle Menschen um ihn herum hatte er enttäuscht und ihnen Böses gewünscht und getan, und nun sollten sie ihm helfen? War das möglich? Und was für ihn noch wichtiger war: Würde seine Liebste ihm verzeihen und hatte ihre Liebe überhaupt noch eine Chance? Fragen über Fragen gingen in seinem Kopf herum.

Während alle durcheinander redeten und Odio vor Gram immer weiter in sich zusammensank, ahnte niemand, was zur gleichen Zeit im Nachbardorf geschah…

Der Tag neigte sich dem Ende zu und mit der Dämmerung zogen dicke Wolken auf. Martha räumte die letzten Bücher, die ein paar Kinder kurz zuvor zurückgebracht hatten, an ihre Plätze zurück. Schließlich schloss sie die reich verzierte Eingangstür von innen ab. Danach nahm sie ihr kleines Höckerchen und stellte es an die Garderobe. Sie stieg hinauf und reckte sich gerade nach oben, als es plötzlich wackelte und sie nach hinten umkippte. Martha kullerte über den Boden und verfing sich dabei in ihrem herunter gerissenen Mäntelchen. Schließlich blieb sie auf dem Rücken liegen. Obwohl sie sich nicht wehgetan hatte, wurde sie nun noch trauriger.

Jeden Tag lächelte sie und war immer freundlich zu allen und ganz besonders lieb zu den vielen Kindern. Es war ein schwerer innerer Kampf für sie, immerzu gegen ihre Tränen anzukämpfen. Als sie nun so hilflos am Boden lag, konnte sie die Tränen nicht länger zurück halten und begann hemmungslos zu weinen.

„Odio!“, rief sie verzweifelt. „Warum bist du nicht zurück gekommen? Warum nur? Ich kann nicht mehr auf dich warten. Alles hier erinnert mich an dich. Ich kann einfach nicht mehr…“.

Martha weinte minutenlang. Erschöpft stand sie langsam auf, ging nach hinten ins Büro und starrte auf ihr Köfferchen. Lange hatte sie überlegt, ob sie es tun sollte. Doch immer wieder hatte sie gehofft, dass irgendwann die Türglocke bimmelte, die Bibliothekstür aufging und Odio herein kam. Der Sturz vom Hocker hatte nun für sie das Fass zum Überlaufen gebracht. Nein, so konnte es nicht weitergehen! Sie zog ihr Mäntelchen über, schnappte ihr fertig gepacktes Köfferchen und verließ ihre geliebte Bibliothek durch die Hintertür. Als sie abgeschlossen hatte, blickte sie hinauf in den Himmel. Dort türmten sich schwere Wolken auf und es hatte bereits angefangen zu schneien. Martha machte sich über einen Umweg auf zum Bahnhof. Sie wollte weg von hier, brachte es jedoch nicht übers Herz, sich von ihren Freunden zu verabschieden. Nach wenigen Schritten schneite es bereits dichte, dicke Flocken und das Schneetreiben wurde immer stärker. Martha versank bereits bei jedem Schritt bis zu den Knöcheln im Schnee. Das Ganze gefiel ihr gar nicht. Der Umweg, den sie ging, um nicht gesehen zu werden, war wohl eine schlechte Idee gewesen. Noch bevor sie sich umentscheiden und zurück gehen konnte, trieb in hohem Tempo ein heftiger Schneesturm heran. Von einer Sekunde auf die andere konnte sie nichts mehr sehen und ein Weiterkommen wurde für sie unmöglich. Angst stieg in ihr auf.

Auch im Wald, wo noch immer viele Fragen an Finn gerichtet wurden, fing es an zu schneien. „Wir sollten hier recht schnell verschwinden, bevor der Schnee stärker wird und wir nicht mehr ins Dorf zurück können!“, sagte Heinrich und erhielt von den anderen Zustimmung. Als Josef in Odio Nix kleinem Gesicht Verzweiflung aufkommen sah, sagte er zu ihm: „Odio, mach dir keine Sorgen! Morgen kommen wir wieder und dann überlegen wir, wie wir deine Martha finden können. Ruh dich erst einmal aus und koche dir einen Wurzelbeerentee. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“. Und so machten die anderen sich auf den Weg zurück ins Dorf. Kaum waren sie dort angekommen, wurde der Schnee stärker und man sah fast die Hand vor Augen nicht mehr.

In seinem Haus ließ Odio Nix unterdessen die Ereignisse des Tages noch einmal an sich vorbeiziehen. Konnte es möglich sein, dass er sein Glück wiederfinden würde oder es sogar schon gefunden hatte? Konnte es wirklich möglich sein, dass er seine geliebte Martha wieder in die Arme schließen würde? Er musste sie unbedingt sehen und ihr alles erklären. Am liebsten wäre er sofort hinunter ins Dorf gelaufen, aber dieser verflixte Schnee ließ es nicht zu. Als er aus dem Fenster schaute, sah er nur noch Weiß. Es war kein Baum, kein Weg, einfach nichts mehr zu erkennen. Er würde sich bis zum nächsten Tag gedulden müssen, um endlich wieder bei seiner Martha zu sein. Dass der Schnee am nächsten Tag nicht weggetaut sein und es keinen Weg vom Wald ins Dorf und umgekehrt geben würde, das wussten zu diesem Zeitpunkt weder Odio Nix noch die Bewohner des Dorfes.

Und auch Martha, die in der Zwischenzeit Schutz an einer Scheunenwand gefunden hatte, konnte es nicht ahnen. Sie zitterte vor Kälte und war völlig entkräftet. Ihr kleines Köfferchen hatte sich in einer Schneewehe verfangen und sie konnte nicht mehr die Kraft aufbringen, es dort heraus zu ziehen. Dieser viele Schnee, der sich durch den Sturm stellenweise bereits zu richtigen Bergen aufgetürmt hatte, ließ sie mutlos werden. Sie glaubte mittlerweile nicht mehr daran, dass sie den Weg zum Bahnhof noch schaffen würde. Vorsichtig tastete sie sich an der Scheunenwand entlang. Hoffentlich hatte sie Glück und das Scheunentor war nicht verschlossen. Endlich ertastete sie einen Riegel, den sie mit ihren vor Kälte fast starren Fingern Stück für Stück zurück schob. Mit Müh und Not ließ sich das schwere Tor nun einen kleinen Spalt weit öffnen und Martha konnte hinein schlüpfen. Schnell drückte sie es mit letzter Kraft von innen wieder zu und ließ sich schließlich erschöpft auf den Boden gleiten.

Wieder fing sie an zu weinen. Endlich hatte sie sich für einen Neuanfang entschieden, wollte alles Leid hinter sich lassen und in der Stadt ihr Glück suchen und nun machte ihr der Schneesturm einen Strich durch die Rechnung. Erinnerungen an jenen Tag kamen hoch. Auch damals hatte es so heftig geschneit und ihr Odio war bis heute nicht erschienen. Warum hatte ihr Leid schon wieder mit Schnee und nichts als Schnee zu tun?

Lang hielt Martha es auf dem kalten Boden nicht aus. Sie stand auf, holte ein Päckchen Streichhölzer aus ihrer Manteltasche hervor und entzündete vorsichtig ein Hölzchen, um sich umzusehen. Wegen der kurzen Brenndauer reichte ihr das erste Lichtlein nicht, um die Scheune zu erkunden. Mit Hilfe des zweiten entzündeten Hölzchens erkannte sie im hinteren Teil Strohballen und eine leere Pferdebox, an deren Wand eine Mistgabel angelehnt stand. Neben verschiedenem Pferdegeschirr, das an einem Balken hing, fiel ihr zu ihrer Erleichterung auch eine Laterne ins Auge, die sie mit einem dritten Hölzchen entzündete. Ein Pferd war nicht im Stall. In ihr keimte die Hoffnung auf, dass der Besitzer vielleicht noch mit seinem Ross unterwegs war. Zwischen den Heuballen suchte sie Schutz vor der Kälte. Ihr war klar, dass sie alleine bei dem Schneegestöber nicht weiterkam.

Audioversion, gesprochen von Sigurd

7 Gedanken zu “Weihnachtsgeschichte 2019 – Abschlußepisode Teil 1 (inkl. Audioversion)

  1. Hat dies auf CoronaCursa rebloggt und kommentierte:

    Es geht dem Ende zu. Noch 2 Tage dann ist Weihnachten und noch ein paar Tage, verabschieden wir das alte Jahr. Und dennoch, es wird zum Ende hin spannend. Wird Odio seine Martha finden? Ihr glaubt gar nicht, was da noch alles passiert. 😁
    Einen besinnlichen 4. Advent wünsche ich euch. 🕯🕯🕯🕯
    Hier geht’s zur 6. Episode 👉🏼 https://wirwarenallemalbeiblogde.wordpress.com/2019/12/21/weihnachtsgeschichte-2019-episode-6-inkl-audioversion/

    Gefällt 2 Personen

    • Schön, dass Du als treuer Leser wieder dabei bist und von Anfang an unserer Geschichte folgst. Nun geht sie so langsam dem Ende entgegen und wir hoffen, Du hast Dich gut unterhalten gefühlt. Wenn man die Protogonisten von Anfang an begleitet, dann wachsen sie einem doch ans Herz,

      habt heute einen schönen 4.Advent

      Gefällt 1 Person

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