Weihnachtsgeschichte 2019 – Abschlußepisode Teil 2 (inkl. Audioversion)

Das Schneewunder

Abschlussepisode von allen Autoren – Teil 2

Odio Nix hatte in der Nacht kaum geschlafen. Immer wieder lief er verzweifelt vor sich hin schimpfend ans Fenster und schlug mit den Worten: „Diese leidige weiße Pest!“ mehrmals mit seiner kleinen Faust auf die Fensterbank. Er war wütend und sehr besorgt zugleich, denn er hatte das Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief. Doch was sollte er tun? Schon drei Mal hatte er versucht, seine Haustür zu öffnen. Jedes Mal hatte er sie schnell wieder geschlossen, weil der Schnee so hoch vor seinem Türchen lag, dass bei jedem Öffnen ein großes Häufchen in seine Behausung eindrang.
Natürlich brodelte der Gedanke in seinem Kopf, sich mit Hilfe des Rabitums einen Weg zu schaffen, aber es würde nicht reichen, um diese Schneeberge zu bezwingen und es durch den ganzen Wald zu schaffen. Beim vierten Versuch, die Tür zu öffnen, setzte er es dann doch ein, so dass er sich zumindest einen kleinen Pfad bis zum nächsten Baumstumpf freilegen konnte, von dem aus er etwas bessere Sicht hatte. Erleichtert stellte er fest, dass es aufgehört hatte zu schneien.

Im Dorf herrschte unterdessen bereits eifriges Treiben. Die Dorfbewohner waren fast alle dabei, den Schneebergen den Garaus zu machen. Das war eine große Herausforderung, denn so viel, wie in der letzten Nacht, hatte es ewig nicht geschneit. Auch Josef und Heinrich packten kräftig mit an. Nebenbei überlegten sie, wie sie es durch den Wald zu Odio Nix schaffen konnten, um mit ihm zusammen seine Martha im Nachbardorf zu suchen. Zumal die Zeit auch anderweitig drängte. Die letzten Weihnachtsvorbereitungen waren fast erledigt und die Hochzeit stand an. Die Feierlichkeiten standen unmittelbar bevor.

Heinrich rief Josef zu: „Ein Wunder muss her!“. Kaum hatte er das ausgesprochen, hörte er ein langes „Psssssst!“. Er drehte sich um und hörte erneut: „Pssssssst, hier bin ich!“. Es kam von dem Baum direkt vor ihm. Er entdeckte Rofibald-Geruwim, der dahinter stand und ihm nun ein Zeichen gab, dass er und Josef zu ihm kommen sollten. Heinrich legte den Arm um Josefs Schulter und zog diesen mit sich hinter den Baum.

Es war aber nicht nur Rofibald, der sich dort versteckt hielt. Auch Tytola und ihre Schwestern Tamina und Aurelia waren da. Rofibald wedelte mit seiner Rufwurzel und erklärte kurz und knapp, dass er den Chef angerufen und um Rat gebeten hatte, nachdem er ihm kurz über die Vorkommnisse berichtet hatte. Der Chef hatte ihm schnelle Hilfe zugesagt. Und tatsächlich, da war er auch schon, der Weihnachtsmann-Schlitten! Zwei Wichtel führten die Rentiere. Ohne lange zu zögern kramten sie in einem der Säcke, aus dem sie schließlich drei Fläschchen hervor holten. Sie übermittelten kurz die Nachricht vom Chef, wie die drei Schleiereulen damit Wege frei machen sollten, damit Heinrich und Josef Odio Nix abholen konnten, um ins Nachbardorf zu eilen. Woher der Chef auf die Schnelle das Rabitum besorgt hatte, das wussten sie allerdings nicht.

Martha hatte sich aus Stroh ein Lager für die Nacht bereitet. Eng hatte sie ihr Mäntelchen um sich gezogen. So viele Gedanken waren ihr durch den Kopf gegangen, und sie hatte sich vorgenommen, am nächsten Tag den Weg zum Bahnhof fortzusetzen. Irgendwann waren ihr die Augen zugefallen.

Mit einem leisen Schrei schrak sie nun plötzlich aus dem Schlaf, denn etwas warmes, feuchtes hatte sie im Gesicht berührt. Als sie erschrocken die Augen aufriss, blickte sie in die großen, braunen, glänzenden Augen eines Pferdes, das sie immer wieder anstupste. Durch ihren Schrei war Bauer Brix aufmerksam geworden. Sofort schaute er nach, was seine Lotte da gesehen hatte. Vor ihm lag Martha im Heu, die sich schnell aufrappelte.

„Sag Martha, was machst du bei diesem Wetter in meiner Scheune? Warum bist du nicht zu Hause in deiner warmen Stube?“. Verlegen zupfte sich Martha das Stroh aus dem Haar und wusste im ersten Moment gar nicht, was sie antworten sollte. Doch dann sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus, und sie erzählte Bauer Brix ihre ganze Geschichte. Von ihrer großen Liebe zu Odio Nix, von der geplanten Hochzeit und dass sie so lange gewartet und nie wieder etwas von ihm gehört hatte. Immer wieder wurden ihre Worte von Schluchzern unterbrochen und Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sogar der hart gesottene Bauer musste sich am Ende ihrer Geschichte verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Martha merkte, dass es ihr gut getan hatte, sich ihr Leid von der Seele zu reden. Zu lange hatte sie ihre Sorgen still mit sich herumgetragen.

„Ja Mädchen, was mach ich jetzt mit dir?“, sprach der Bauer. „Auch ich habe in meiner Scheune Schutz vor dem Schneetreiben gesucht. Zum Glück hat es mittlerweile aufgehört zu schneien. Du musst auf dein Herz hören. Wenn du meinst, in der Stadt ein neues Leben beginnen zu wollen, dann wünsche ich dir von Herzen Glück. Draußen dämmert es langsam. Wir können nachher, wenn es richtig hell ist, versuchen, zum Bahnhof zu reiten.“

Etwas später sattelte der Bauer seine Lotte, setzte die kleine Martha vor sich in den Sattel und sie machten sich hoch zu Ross auf den Weg zum Bahnhof. Die Hufabdrücke waren im Schnee gut zu sehen….

Während die drei sich durch den Schnee zum Bahnhof kämpften, fuhren die anderen in rasantem Tempo auf dem Schlitten zu Odio Nix in den Wald hinauf. Dort angekommen, fanden sie seine kleine Baumhöhle leer vor. Odio war verschwunden. „Nicht auch das noch!“, rief Josef. Sie wussten alle, dass die Zeit drängte. Heinrichs zukünftige Frau Emilia wartete auch schon im Dorf, um mit ihm die letzten Hochzeitsvorbereitungen zu treffen. Sie konnte unmöglich alles alleine schaffen.

„Da!“, rief Heinrich und deutete auf eine freigelegte Spur im Schnee. Sie folgten dieser Spur, die plötzlich in einer hohen Schneewehe endete. „Verflixt nochmal!“, wetterte Josef. „Wo ist denn bloß Odio hin? Warum konnte er nicht warten?“. Doch dann hörten beide dumpfe Rufe und Schnee rieselte von dem kleinen Hügel zu ihren Füßen.

„Odio!“, riefen sie erschrocken und griffen gleichzeitig beherzt in den Schnee, wo sie den Gnom packten und ihn aus der Schneewehe herauszogen. „Verfluchter Schnee!“, zeterte Odio. Zappelnd hing er in der Luft, sodass Heinrich und Josef loslachen mussten. Vorsichtig stellten sie ihn ab. „Lacht nicht! Das hat mir alles zu lange gedauert. Ich muss meine Martha finden. Ich habe plötzlich so ein ungutes Gefühl. Wir müssen uns beeilen. Allerdings ist mir mein Rabitum ausgegangen und ich wollte…“

„Stopp, stopp, stopp!“, unterbrach ihn Heinrich. „Wir haben Hilfe bekommen! Sieh nur!“. Er holte die drei Fläschchen aus dem Säckchen hervor. „Die sind vom Chef!“. Odio Nix war ziemlich verwundert und wollte wissen, woher sie diese denn nun hatten. Das wussten die beiden Männer aber auch nicht. „Aber selbst das wird niemals reichen!“, entgegnete Odio. „Ich war gerade auf dem Weg zu Querbur, dem Trollmagier. Der hat noch viel mehr davon. So kurz vorm Ziel ist mir mein Rabitum dann leider ausgegangen, verflixt nochmal!“.

„Dafür haben wir aber keine Zeit mehr.“, sagte Heinrich. „Nein, Odio hat recht.“, meinte Josef nun. „Stellenweise ist der Schnee so hoch, dass wir auch mit dem Schlitten nicht durchkommen. Wir brauchen noch mehr Fläschchen. Das Nachbardorf ist ja nun mal nicht um die Ecke. Wir können doch jetzt nicht ewig durch den Wald stapfen.“.

„Müssen wir auch nicht.“, sagte Odio und deutete auf eine knorrige, alte Eiche. „Da wohnt Querbur.“.

„Dann nichts wie hin!“, rief Heinrich und alle stiefelten zum Baum und hämmerten wie wild gegen die Rinde.

„Ist ja gut! Ja, ja! Nun macht mal nicht so einen Krach!“, kam eine knarzige Stimme aus dem Baum.

„Wir brauchen dringend deine Hilfe!“, riefen alle drei wie aus einem Munde.

„Das weiß ich längst. Ihr seid so laut, dass ich ohnehin alles mitgehört habe.“. Knarrend öffnete sich eine kleine, schiefe Tür und der Magier erschien. Wie starre Äste standen seine Haare vom Kopf ab. Seine kleinen braunen Augen schauten belustigt von einem zum anderen, und in seinen Händen hielt er ein Säckchen. „Hier, das ist mehr als genug. Damit kommt ihr bis ins nächste Dorf und sogar noch weiter. Ich wünsche euch viel Erfolg und findet Martha!“. Damit drehte er sich um und verschwand wieder in seinem Baum.

Das Säckchen mit den Fläschchen sah genau so aus, wie das vom Chef. Nun ahnten die drei, dass der wohl höchstpersönlich beim Trollmagier das Rabitum besorgt hatte.

Hoch oben flogen zwei Eulen große Kreise und stießen Rufe aus. Irgend etwas stimmte nicht. Sie eilten  zum Schlitten, wo Rofibald mit den anderen beiden Wichteln wartete. „Wo bleibt ihr denn!“, rief er schon von weitem. Nun kamen die Eulen herab geflogen, und auch die dritte Eule näherte sich geschwind. Es war Tamina, die rief: „Ihr müsst euch sputen. Ich war gerade im Nachbardorf die Lage erkunden. Das ganze Dorf ist in Aufruhr. Die Bibliothek wurde nicht geöffnet und Martha ist verschwunden. Sie haben schon angefangen zu suchen.“.

 

Audioversion, gesprochen von Sigurd

6 Gedanken zu “Weihnachtsgeschichte 2019 – Abschlußepisode Teil 2 (inkl. Audioversion)

  1. Hat dies auf CoronaCursa rebloggt und kommentierte:

    So langsam, aber sicher, geht das Ganze nun wirklich dem Ende zu. ABER HALT! STOP! Nein, noch nicht ganz. Jetzt wird es wirklich spannend. Wo ist Martha? Jetzt, wo es sich alles aufgelöst hat, ist sie weg.
    Morgen an Heiligabend werdet ihr das Ende erfahren.

    Gefällt 1 Person

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