Reizwort

Also, seit ich da arbeite, wo ich nun mal arbeite, ist ein Wort, das ich wirklich nicht mehr toll finde, das Wort „Kunde“. Kunden sind tatsächlich irgendwie… naja… ich meine, ganz normale Menschen kommen bei uns rein und mutieren zum „Kunden“. Das fängt damit an, dass sie ihre Hälse um unglaubliche 271 Grad drehen – was mehr ist, als eine Eule schafft. Diese Fähigkeit wird dem „Kunden“ nur aus einem einzigen Grund verliehen: Um vorgeben zu können, die Verkäufer nicht zu sehen und darum auch nicht „Guten Tag“ sagen zu müssen.
Was die „Kunden“ so in anderen Abteilungen machen, das weiß ich nicht sicher, aber den Erzählungen nach passieren da merkwürdige Dinge. Seit ein paar Jahren müssen lebende Fische übrigens an der Kasse bezahlt werden, BEVOR sie abgeholt werden dürfen. Weil es zu oft vorkam, dass die „Kunden“ es sich anders überlegten und wir nach Tagen Beutel mit ehemals lebenden Fischen zwischen den Schrauben, neben den Klodeckeln oder unter den Regenrinnen fanden. Aber wie gesagt, ich bekomme davon wenig mit. Was ich mitbekomme sind „Kunden“, die die offene Kasse sehen, das grüne „Geöffnet“-Licht leuchtet darüber, ich stehe mit einladendem Lächeln (hoffe ich. Vielleicht ist es auch nur eine desillusionierte Grimasse) und einem betriebsbereiten Scanner in der Hand da und der „Kunde“ fragt: „Haben Sie geöffnet?“ Wenn man den Würgereflex ebenso unterdrückt wie die nahelegende Antwort „Nein, ich warte hier auf den Bus“, kommt garantiert: „Ach, ich dachte, Sie machen Pause“. Pause. An der Kasse. Klar.
Danach kommen die Kundenwitze („Da ist kein Barcode drauf? Dann kostet es nichts. Hahahahahahahahahahahaha“) und dann wird bezahlt. Manchmal. Manchmal passieren auch ganz andere Sachen. Hier ein Auszug aus Fragen an den Kassierer eines Baumarktes (mit 40000 verschiedenen Waren): „Wie funktioniert diese Kettensäge“ „Ist da eine Batterie drin?“ „Wie muss diese Pflanze gegossen werden?“(Kleiner Tipp: Wir haben Fachleute für alles, was man über die Waren wissen will. IN DEN ABTEILUNGEN. Ich bin Kassiererin, und alles, was ich mit Sicherheit sagen kann ist, was die Ware kostet). Mein derzeitiger Favorit von letzter Woche: „Können Sie in ihrer Kasse nachsehen, auf welchen Tag der 12 August fällt?“ (Nein, kann ich nicht. Das ist nur eine ganz normale Kasse, ohne irgendwelche anderen Funktionen. HÄTTE sie andere Funktionen, würde ich damit LoL spielen!) Auf meine höfliche (wenn auch erstaunte) negative Antwort grölte die „Kundin“ los: AAAAARMES DEUTSCHLAND!!!! Ja, wo sie Recht hat…

Natürlich sind die meisten Kunden lieb, nett und freundlich. Das sind sie wirklich. Und die meisten mag ich auch echt gerne. Aber WIE unfreundlich, gehässig und teilweise wirklich menschenverachtend Menschen auch sein können, das weiß ich in seinem ganzen beschämenden Ausmaß erst, seit ich an der Kasse arbeite. Ich hätte das früher nie geglaubt. Aber als Angestellter im Einzelhandel scheint man Freiwild zu sein, denn, nicht wahr, der „Kunde“ ist ja König.

Nur benimmt er sich leider nicht immer so.

Er ist’s

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte

Als Kind fand ich den Gedanken, dass unser Hausarzt (dessen Name „Frühling“ war) nur mit einem blauen Band bewaffnet durch die Gegend tanzt. Ich stellte ihn mir ein bisschen vor wie eine rhythmische Sportgymnastin – oder wie Loriots Knollennasenmännchen. In diesem Fall aber nackt und mit der blauen Schleife an einer strategisch günstigen Stelle.

Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land

Süße Düfte? Naja, Oma lebte auf dem Lande, und immer wenn es so richtig nach Gülle von den frisch gedüngten Feldern roch, sagte sie: „Atmet tief ein, Kinder, das ist die gute Landluft!“ Und wir atmeten pflichtschuldigst ein und vermissten Hamburgs Benzinduft ein wenig.

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen

Hier im Straßengraben blühen immer jede Menge Veilchen. Ich liebe das Blau.

Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Wieso eigentlich immer Harfen? Meine Kinder hören zu jeder Jahreszeit was ganz anderes. Zwei von ihnen hatten mal ein ulkiges Hobby: „Horch, ein lauter Battlerap“ würde da viel besser passen.

Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

Er ist es wirklich. Vorgestern haben wir den ersten Frosch auf der Straße gesehen. Leider tot. Beim spätabendlichen Gassigehen dann auch noch platt und tot. Traurig.
Ach, und gestern wanderte die erste Nacktschnecke über unser Grundstück. Ein Riesenvieh. Ich hatte ja immer noch auf ein bisschen Schnee gehofft, aber gut, dann war es das wohl.

Wir haben Frühling.

Kinderspielzeug

Ich grüble gerade über mein liebstes Kinderspielzeug nach. Ich besaß jede Menge Spielzeug, aber meine Puppen zum Beispiel waren nicht mein liebstes Spielzeug. Ich fand sie langweilig. Allerdings hatte ich immer die Befürchtung, sie würden das irgendwie merken, also kümmerte ich mich einmal die Woche um sie, zog ihnen frische Kleidung an (und packte die alte Kleidung in den Puppenschrank, damit sie in der nächsten Woche wieder frisch wäre).
Meine Puppenstube liebte ich aber. Sie hatte zwei Räume und ein rosafarbenes Bad, und auf der mit Kunstrasen bezogenen Dachterrasse weidete ein Pferd, auf dem meine Puppen richtig reiten konnten. Na gut, der Vater. Die Mutter hatte ein Kleid an und der Rock war zu eng für sowas.
Als ich ganz klein war, besaß ich noch ein anderes Spielzeug, das es heute tatsächlich noch genauso zu kaufen gibt, ich habe eben geguckt: Ein Marienkäfer-Domino. Ich konnte stundenlang für mich alleine die Marienkäfer so aneinander legen, dass die Punkte auf den Flügeln zum nächsten Käfer passten.
Sonntags morgens kam mein Bruder zu mir ins Zimmer und wir hörten zusammen Schallplatten, bis unsere Eltern aufstanden. Ich besaß eine nette Sammlung von Schallplatten; Hanni und Nanni zum Beispiel, Das Dschungelbuch, Pan Tau, Das Wirtshaus im Spessart und König Drosselbart. Später kamen noch diese unsäglichen Häschenwitze dazu. Und Otto Waalkes. Und all das wurde auf einem roten Kofferplattenspieler abgespielt. Ich habe mal Leute in meinem Alter gefragt: JEDER von ihnen besaß einen roten Kofferplattenspieler.
Mein allerliebstes Spielzeug… war gar keins. Das waren meine Kinderbücher. Ich habe als Kind stundenlang gelesen. Länger. Wochenlang. Eigentlich jahrelang. Bis meine Kindheit vorbei war. Dann hab ich mit „Erwachsenenbüchern“ weiter gemacht. Was eine blöde Idee war. Inzwischen lese ich wieder mit Begeisterung Kinder- und Jugendbücher und schreibe sogar selber welche.
Das Beste aller Kinderbücher war übrigens „Prinz Oki Loki“. Gebt euch keine Mühe, zu versuchen, es zu kaufen. Der Verlag hat kurz nach Erscheinen dieses Buches Konkurs angemeldet und mein Bruder und ich halten ungefähr 98% aller jemals gedruckten Oki-Lokis in unserem Besitz. Falls ihr trotzdem unbedingt wissen wollt, ob die Prinzessinnen Mäuschen und Pläuschen es unbeschadet überstanden haben, dass der Drache sie entführt hat, und welches Prinzessin Melonchens erstes Wort war – meldet euch. Ich verrate es euch gerne.

Noch’n Bild

Ich hab mir nicht viele Bilder selber gekauft. Die meisten habe ich geerbt oder sie wurden mir von meinen Kindern gemalt (ich bin nicht sicher, welche wertvoller sind). An jedem hänge ich aus unterschiedlichen Gründen.

Hier ist eins der ganz wenigen, die ich mal gekauft habe. Einfach weil es mir gefiel.

hamburg

Das Nikolaifleet in Hamburg, Rückfront der Deichstraße.

Kindergebetchen (Ringelnatz)

Kindergebetchen

Erstes

Lieber Gott, ich liege
Im Bett. Ich weiß, ich wiege
Seit gestern fünfunddreißig Pfund.
Halte Pa und Ma gesund.
Ich bin ein armes Zwiebelchen,
Nimm mir das nicht übelchen.

Zweites

Lieber Gott, recht gute Nacht.
Ich hab noch schnell Pipi gemacht,
Damit ich von dir träume.
Ich stelle mir den Himmel vor
Wie hinterm Brandenburger Tor
Die Lindenbäume.
Nimm meine Worte freundlich hin,
Weil ich schon sehr erwachsen bin.

Drittes

Lieber Gott mit Christussohn,
Ach schenk mir doch ein Grammophon.
Ich bin ein ungezognes Kind,
Weil meine Eltern Säufer sind.
Verzeih mir, daß ich gähne.
Beschütze mich in aller Not,
Mach meine Eltern noch nicht tot
Und schenk der Oma Zähne.

(Nein, nach denen hab ich nie gebetet. Ich kenne sie nur schon seit meiner Kindheit. Und irgendwie mag ich sie. )

Pfannkuchen…

…nannte Oma sie, weil jemand, der in Berlin gelebt hat, Berliner natürlich nicht Berliner nennen kann. Ich tue das trotzdem, weil ich in Hamburg lebe, und ich nenne Hamburger auch ohne jede Scham Hamburger und nicht etwa Frikadellenbrötchen (mit Gurke). So ändern sich die Zeiten.

Seit Jahren schon will ich immer mal einen von diesen quietschbunten Berlinern essen, die sie zu Silvester immer in den Bäckereien haben. Früher gab’s ja nur welche mit Pflaumenmus und Himbeerfüllung, aber heute werden die mit allem gefüllt, was süß ist, von Nutella über Eierlikör bis hin zu Hagenuttenmark (och nööö, ne?), und damit man sie auseinander halten kann, hat man nicht mehr nur die Wahl zwischen Zuckerguss und Zucker, sondern bekommt das Ganze in – wie gesagt – quietschbunt.
Heute bei der Arbeit gab der Chef Berliner aus und ich bekam einen Apfel-Dinkel-Berliner mit weiß-grüner Schokolade oben drauf. War lecker, ja. Nur…

…Omas Berliner fehlen mir. Die selbstgemachten. Die, die nicht weich und wabbelig waren, sondern so eine ganz leichte Kruste hatten durch das Ausbacken im Fett. Deren Teig frisch und fluffig schmeckte und so ganz anders als die industriell gefertigten Berliner. In denen nicht ein winziger Klecks irgendeiner Marmelade war, sondern so unanständig viel Pflaumenmus, dass man den wirklich, wirklich schwer essen konnte – wenn man vorne reinbiss musste man darauf achten, dass einem niemand gegenüber stand. Und ein weißes Hemd war auch eine blöde Idee.

Omas Berliner waren die besten.

Obwohl es eigentlich Pfannkuchen waren.

Wochenthemen: Einfach mal alle…

…dann muss ich mir keins aussuchen.

Wolle: Ich stricke unheimlich gerne. Oder, genau gesagt: Ich mag selbstgestrickte Sachen unheimlich gerne. Nur das Stricken selber, das ist so anstrengend. Gerade große Sachen, das daaaaaauert… und meistens verliere ich dann so in der Mitte die Lust. Ich habe einen großen Korb hier mit angefangenen Schals, einzelnen Socken und Pulloverärmeln. Irgendwie peinlich. Toll fand ich, als die Kinder klein waren. So ein Babypullover ist ja ratzfatz gemacht. Inzwischen sind die Kinder groß und Enkelkinder eher noch nicht in Sicht. Da hab ich dann recht wenig Lust. Allerdings – für andere, da geht es dann wieder. Das Letzte, was ich gestrickt habe, war eine Fortuna-Fan-Mütze. Für einen Fortuna-Fan. Ich glaube, das war ziemlich gut.

Rauchen: Neulich sagte ein ganz junger Kollege zu mir: „WIE alt bist Du? Echt jetzt? Ich wette, du hast in deinem Leben keine einzige Zigarette geraucht!“ Stimmt nicht. Ich hab mal eine geraucht. Das war… 1986? Oder 1985. Keine Ahnung. Schmeckte mir nicht. Und ich habe auch die Logik nicht begriffen, wieso man getrocknete Pflanzenteile verbrennen und einatmen soll, statt gesunde, frische Luft zu atmen.

Honig: Wir waren im letzten Jahr auf einem Mittelalterfestival, wo man unter anderem an die 200 verschiedene Sorten Honig probieren konnte. Jetzt nicht so etwas wie Waldblütenhonig und Akazienhonig, sondern Honig mit Zusätzen, so wie Chilihonig und Schokoladenhonig.
Ich mag Honig am liebsten süß. Und nach Honig schmeckend. Langweilig, ich weiß. Aber lecker.

Öffentliche Verkehrsmittel: Ääääh… echt, ist ja schön, wenn man von A nach B kommt, ohne Auto, und dabei auch noch lesen kann. Aber wieso müssen einen alle Leute anniesen, ohne die Hand vor den Mund zu halten? Wieso müssen die Leute un-be-dingt mit ihrem Handy telefonieren: „Ja, ey, Alda, isch bin jetzt in Bahn. Komm gleisch raus, ey, Digga“ und „…dann hat er gesagt… hihihi… und dann hab ich gesagt… gacker…“ und „…sollten Sie bis Samstag spätestens den indirekten Cash-Flow ermittelt haben, sonst kommen wir in Teufels Küche…“. Spannend. Also – so einigermaßen. Und wenn man so richtig Glück hat, kommt noch ein Obdachloser mit Gitarre rein, schrammelt ein paar unzusammenhängende Akkorde und hält einem dann den Hut unter die Nase. Oder eine zerbeulte Konservendose.

Klassische Musik: Mag ich. Mochte ich schon immer. Auch als es gar nicht modern war. Eins der Telefone bei uns in der Firma klingelt den Kanon von Pachelbel. Ich bin blöderweise die EINZIGE, die da mitsummt. Dabei ist der wirklich schön.
Wobei… viele klassische Stücke kennt man ja aus der Werbung. Nur nicht unter diesem Namen. Nach der Melodie des Radetzkimarsches hüpft Dosengemüse herum, eine bekannte Pizzamarke bedient sich bei Verdis Rigoletto und die Hymne… nein DIE Hymne der Eurovision stammt eigentlich aus dem 17. Jahrhundert. Also, nicht die offizielle Hymne, die ist etwas jünger, stammt von Beethoven und heißt „Ode an die Freude“, was an sich auch schon recht klassisch wäre. Aber sobald man „Te Deum“ von Marc-Antoine Charpentier hört, geistern einem 60 Jahre Eurovision durch die Gehörgänge; von Kulenkampff bis hin zum ESC (so man denn möchte).
Ich war in meinem Leben nicht auf vielen Konzerten (und nur auf einem einzigen Rockkonzert. Das war dafür aber auch echt klasse). Aber ich war ein paarmal bei Hans Liberg. Klassische Musik? Nun ja. Es ist lustiger, wenn man sich da ein bisschen auskennt. Sonst entgeht einem der Witz an der Geschichte…