Weihnachtsgeschichte 2018 – Episode 4 (inkl. Audioversion)

Episode 4 von Ichbinsg

„So!“, hörte man Rofibald-Geruwim, während er sich von dem Ast erhob auf dem er saß, mit einem tiefen Seufzer sagen. „Jetzt muss ich aber weiter. Wir haben ja gleich erst Mittag. Ich muss noch in die Weihnachtswerkstatt, um einige Abläufe zu besprechen. Wir treffen uns am späten Nachmittag hier wieder, bevor die Dunkelheit einbricht.“

Heinrich und Josef standen auch auf. „Ja, wir müssen auch los“, erklärte Heinrich. „Wir sind bei Oma Kräuterle zum Mittagessen eingeladen, um für sie danach die großen Holzstücke mit der Axt ofengerecht zu spalten und um diese, vorne neben ihrer Haustür, ordentlich aufzustapeln, damit sie es leichter hat, sie bei Bedarf ins Haus zu holen.“ Sie wurde ‚Oma Kräuterle‘ genannt, weil sie sich mit jedem Pflänzchen im Walde auskannte, sie fleißig sammelte und sie zum Kochen und für eigens hergestellte Medizin verwendete.

Die verwandelte Utila nickte kurz, zog geheimnisvoll die Augenbrauen hoch, hob den Arm zu einem Gruß, drehte sich ohne ein Wort um und stapfte durch das Unterholz Richtung Dorf.

Allein Tytola blieb ganz ruhig auf dem Baum sitzen. Sie wollte dort auf ihre Schwestern warten.

Kaum aber waren alle außer Sichtweite, knackte und raschelte es im Dickicht rechts neben der zu bewachenden Tanne. Die Schleiereule konnte jedoch erst einmal nichts erkennen. Sie saß auf ihrem Ast, ohne sich zu rühren, in der Hoffnung, so nicht bemerkt zu werden und etwas beobachten zu können. Sie wartete ab.

Im Dorf hingegen ereignete sich kurze Zeit später Folgendes: In einer kleinen Wirtschaft, mit dem Namen „Goldener Engel“, öffnete sich unter lautem Knarren die alte schwere Eingangstür, so dass die Katze, die gemütlich vor dem Kamin lag, aufgeschreckt davonsprang. Eine dunkle Gestalt trat ein, ging geradewegs zu dem Tisch in der hintersten Ecke des Raumes und ließ sich nieder. Als der Wirt zu ihr trat, um den neuen Gast nach seinen Wünschen zu fragen, griff dieser nach dem Handgelenk des Wirtes, zog ihn etwas an sich heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Mit einem etwas verwirrten Blick eilte der Wirt hinter seine Theke, um kurz darauf dem seltsamen Gast ein Glas Wasser zu bringen. Stumm blieb dieser über längere Zeit vor dem Glas sitzen und beobachtete mit seiner finster dreinschauenden Miene alles, was sich in die, und was sich aus der Kneipe bewegte, als würde er auf jemanden bestimmtes warten.

Tytola saß derweil immer noch auf ihrem Beobachtungsposten. Als sie wieder ein Rascheln hörte, dieses Mal direkt unter der Tanne, geschah etwas Zauberhaftes und sie glaubte erst, ihren eigenen Augen nicht trauen zu können: Durch die besondere Tanne strömte ein Glitzern. Das Funkeln zog sich von oben, beginnend an der Tannenspitze, bis nach unten über den ganzen Baum und als es den Boden erreicht hatte, stand die Tanne wieder so grün vor Tytola, wie vorher, als wäre nichts gewesen. Sie kniff die Augen zusammen, um zu schauen, ob sie träumte. Sie hörte wieder dieses Rascheln und wieder umhüllte dieses Glitzern den Tannenbaum, als läge ein Zauber auf ihm. So wie es gekommen war, so war es dann aber auch wieder vorbei und in der nächsten Zeit passierte nichts mehr – auch war nichts mehr zu hören.

Nach ein paar Stunden tauchten Heinrich und Josef als erste wieder auf. Sie waren schon von weitem zu hören, denn der Boden schien unter ihren Füßen zu knirschen, so als wäre er gefroren.

„Ach, wie schön!“, rief Josef schon von weitem, „deine Schwestern sind angekommen.“ Als Heinrich und Josef vor Tytola standen, stellte diese die beiden anderen Schleiereulen vor: „Das ist Aurelia und das Tamina. Mit ihnen zusammen, kann ich ganz leicht und schnell die Zauberflüssigkeit über die ganzen Tannen verteilen. Zusammen haben wir nämlich eine besondere Fähigkeit, aber ihr werdet schon sehen.“

Kaum hatte sie das ausgesprochen, stand auch schon Rofibald-Geruwim vor ihnen und fragte Tytola fast flüsternd, ob sie wieder als Bella unterwegs gewesen wäre, denn er hätte auf dem Weg hierher Spuren gesehen, die wohl einem Hund gehören mussten. Es hatte zwar nicht geschneit, aber durch den gefrorenen feuchten Boden blieben die Abdrücke sichtbar.

Während alle Blicke gespannt auf Tytola gerichtet waren, näherte sich der Gruppe der magere finstere Mann. Er wirbelte einmal um sich selbst herum und „schwups“, stand Utilia wieder vor ihnen.

„Ich bringe ein paar Neuigkeiten mit, die die Diebe betreffen. Ich habe sie zwar selbst nicht gesehen, aber im Dorf, in der kleinen Kneipe, konnte ich unerkannt über sie etwas in Erfahrung bringen, das zwar ihren Diebstahl nicht rechtfertigt, aber es doch in einem anderen Licht erscheinen lässt. Aber erst einmal zu dir Tytola, ich habe eben mitbekommen, dass du wieder auf vier Pfoten unterwegs gewesen sein sollst!?“

Alle Augen richteten sich wieder auf Tytola. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, raschelte es wieder unter der Tanne und dieses Mal konnten alle dem glitzernden Spektakel zuschauen, denn es passierte wieder.

Aber was war das? Nicht nur dass es immer noch raschelte, die Tannenzweige öffneten sich unten herum einen Spalt und eine dunkle kleine Nasenspitze wurde sichtbar.

Audioversion, gesprochen von Sigurd

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