Weihnachtsgeschichte – Episode 2

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Im Schein des Mondes sah er einige Meter entfernt eine umgeknickte kleine Tanne im Schnee liegen. Er näherte sich ihr und entdeckte nun breite, direkt über der Tanne verlaufende Kufenspuren und Abdrücke von Hufen. Die Spuren kamen aus der Dunkelheit und verschwanden in selbiger. Selbst die Geräusche waren mittlerweile nur noch sehr leise in der Ferne zu hören.
Grübelnd und furchtbar hungrig ging der Penner, der Heinrich hieß und seit vielen Jahren Witwer war, zurück in seinen Verschlag und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem am Boden liegenden Sack mit den herausgepurzelten Geschenken zu. Er war sich unschlüssig, was er damit anfangen sollte. Wenn er nun nur ein einziges Geschenk öffnete und behielt, um den Inhalt essen zu können? Vieleicht konnte er statt dessen etwas anderes schönes von den Dingen einpacken, die er im Wald gefunden und im Gebüsch hinter dem Verschlag versteckt hatte. Hoffentlich befand sich in all den bunten Verpackungen überhaupt etwas Essbares!
Er hob mit seinen immer noch eisig kalten, knotigen Fingern ein ovales, in dunkelblaues Glitzerpapier verpacktes Paket auf und wollte es gerade neben seinem Ohr schütteln, als der Sack sich plötzlich bewegte. Heinrich ließ das Paket fallen, schrak einen Schritt zurück und hielt seine Hände vor den Mund.
Es raschelte und knisterte im Sack und die Bewegung näherte sich der Öffnung. War da etwa eine murmelnde Stimme zu hören, oder bildete Heinrich sich das nur ein?
Jetzt kroch ein sehr kleines, krummrückiges Männlein aus dem Sack. Es hatte eine Art Spazierstock bei sich. Auf dem Rücken trug es eine kleine, leere Kiepe. Es richtete sich auf, sah zu Heinrich hoch, und fragte mit einer energischen Stimme: ”Wer bist du denn?”
Mit weit aufgerissenen Augen hatte Heinrich den Zwerg beobachtet und gleichzeitig gedacht, er sei im Traum gelandet. Aber es war doch alles real. So wie er fror, konnte man doch wohl in keinem Traum frieren! Und sein Hunger war auch echt. Das ließ sein leerer Magen ihn schmerzlich spüren. Er kniff die Augen kurz zusammen, öffnete sie wieder und sah den Zwerg noch immer vor sich.
”I, ich bin Heinrich.”, stotterte er mit seiner knarzigen Stimme, die das Sprechen schon lange nicht mehr gewohnt war. ”Ich, ich ha, habe diesen Sack im Wald gefunden. Er stand da an einen Baum gelehnt. Es war niemand da.”
Ihre Blicke begegneten sich im spärlichen Licht. Unsicher fragte Heinrich den Kleinen: ”Und wer bist du, wenn ich fragen darf? Bist du echt, oder träume ich das alles nur?” Der Zwerg zog daraufhin mit empörtem Blick kräftig am Hosenbein von Heinrichs fadenscheiniger und teilweise löchriger Hose, so dass sich Heinrich einmal mehr bewußt wurde, dass er nicht träumte.
”Ich bin Rofibald-Geruwim, der Zwölfte!” kam promt die Antwort. ”Ich habe heute den Nachtdienst. Und in meiner Dienstzeit wird nichts aus dem Sack genommen! Es sind noch viele Tage bis zum Fest. Der Sack darf weiter befüllt werden. Aber niemand darf etwas daraus nehmen!” Seine kleinen Augen blitzten Heinrich herausfordernd und gleichzeitig durchdringend an.
”Ich nehme jetzt meine Rufwurzel aus der Tasche und rufe den Chef her, wenn du mir nicht sofort einen triftigen Grund nennen kannst, warum du den Sack mitgenommen hast!”