Frage des Jahres

So nun habe ich eine Frage, die bestimmt noch nie gestellt wurde. 😀

Habt ihr denn Vorsätze für das Jahr 2020?

Dann bin ich mal gespannt wer mehr Sport treiben, das Rauchen aufgeben oder abnehmen möchte.

Allen hier wünsche ich einen guten Rutsch und für das Jahr 2020 nur das Beste.

Vielen Dank

Ich möchte mich bei allen, die sich an den Weihnachtsfeiertagen die Weihnachtssendung anhörten bedanken. Es waren mehr, als ich erwartet hatte.

Und einen besonderen Dank an die, die einen Musikwunsch abgaben, und damit wesentlich zum gelingen der Sendung beitrugen. Mir hat es viel Spaß gemacht, die Sendungen zusammen zu stellen, und hoffentlich hattet Ihr auch ein wenig Spaß beim zuhören.

Weihnachtsgeschichte 2019 – Komplettfassung (inkl. Audioversion)

Das Schneewunder

Komplette Weihnachtsgeschichte 2019 von allen Autoren

Womp! Wusch! Boing!

Riesige Schneeflocken, groß wie Bowlingkugeln, prallten gegen seinen Schultern und immer wieder auf seinen Kopf. Er blickte hinauf und konnte es einfach nicht fassen. War er geschrumpft, oder waren die Schneeflocken gewachsen? Wohin seine Augen auch blickten, überall lag meterhoch der Schnee. Weit und breit war alles weiß. Es war unmöglich für ihn, dort hindurch zu stapfen. Er würde im tiefen, weichen Schnee versinken und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. „Verfluchter Schnee!“ brüllte er vor Wut.

Erschrocken setzte sich der Gnom Odio Nix senkrecht in seinem Bettchen auf. „Hach“, lachte er laut los. „Es war nur ein Traum!“, rief er erleichtert. Trotzdem sprang er aus dem Bett und tapste barfuß zum Fenster. Dort blickte er in die Nacht hinaus. Seine Wut im Bauch löste sich langsam auf. Weit und breit kein Schnee. Nur der karge, braune Waldboden und die kahlen, knorrigen, in die Dunkelheit ragenden Äste waren zu sehen. Der große, runde Mond schien hell in seine kleine Stube. Erleichtert wollte er sich gerade wieder ins Bett zurück legen, als sich plötzlich dicke, dunkle, schwere Wolken vor den Mond schoben. Einen Augenblick später war alles ganz finster. Odio Nix kniff ärgerlich seine Augen zu und öffnete sie wieder. „Das sind doch jetzt keine Schneewolken, oder was?!“, schrie er gegen die Fensterscheibe. Die Wut kochte langsam wieder in ihm hoch.

Ärgerlich zog er sich seine zerrissene Kleidung an. Dann schlüpfte er in seine zerlöcherten Stiefelchen und schnappte nach seinem zerschlissenen Rucksack, den er sich über warf. Der Rucksack fiel ihm direkt wieder vom Rücken runter. Der Gurt war nun zerrissen. Der Gnom knotete den Gurt zusammen und warf sich den Rucksack erneut über. Allerdings fühlte er sich nun wie eingeschnürt, denn der Gurt war jetzt viel zu eng. Zornig schmiss er den Rucksack auf den Boden und stiefelte quer durch seine kleine, kalte Stube, in der das Feuer im Kamin längst heruntergebrannt war. Er öffnete eine kleine Kiste, die in der Ecke stand. Dort holte er seine grüne, alte, zerfledderte Umhängetasche heraus und hängte sie sich um. In der Kiste erblickte er noch etwas. „Aaaah!“, rief er. „Beinahe hätte ich meine Tarnmütze vergessen!“. Er schnappte sie und setzte sie auf seinen Kopf, sodass sein karottenrotes, zerzaustes Haar darunter verschwand. Und nicht nur das. Selbst er war plötzlich nicht mehr zu sehen.

Wutentbrannt stapfte er zur Tür hinaus, schloss die knorrige Wurzeltür hinter sich und huschte in den dunklen Wald hinein. Nicht ahnend, dass er bereits von jemandem beobachtet wurde…

Lange hatte sie in der Kälte ausgeharrt, und die Baumhöhle unter den riesigen Wurzeln ausgespäht. Sie war auch nicht erstaunt gewesen, als, wie von Zauberhand, die kleine Wurzeltür geöffnet und gleich wieder geschlossen wurde. Sie sah auch die kleinen Fußabdrücke, die in den Wald hinein tapsten.

Taptaptap! Leise folgte sie dem immer schlecht gelaunten Gnom, denn sie ahnte bereits, was er nun wieder ausheckte.

Tytola flog lautlos hinter Odio Nix her. Welch ein Glück, dass die Schleiereule so gut sehen konnte. Es wäre ihr sonst nicht möglich gewesen, dem bis auf die Fußspuren unsichtbaren Gnom zu folgen.

Nach ein paar hundert Metern gab es plötzlich keine weiteren Spuren. Odio Nix schien auf der Stelle zu stehen. Nun war ein Klopfen zu vernehmen, das von der alten Eiche unmittelbar vor den letzten Spuren kam. Nur wenige Sekunden später bewegte sich in Bodennähe ein Stück der Rinde. Tytola hörte die ihr bekannte Stimme von Querbur, dem Trollmagier, fragen: „Was führt dich so spät noch zu mir?“

Der Gnom antwortete: „Unvorhergesehene Umstände! Das weiße Mistzeug fällt vom Himmel, als gäbe es kein Morgen! Das ist das Letzte, was ich jetzt brauche! Du musst mir beim Verwandeln behilflich sein!“

„Komm rein.“, sagte Querbur. Kurz darauf legte sich das Rindenstück wieder zurück auf den Stamm und es war nicht mehr zu erahnen, dass sich dahinter ein winziger, geheimer Eingang in den Baum befand.

Tytola überlegte, wie sie herausfinden konnte, was im Inneren des dicken Eichenstammes vor sich ging. Kurz darauf wackelte sie mit dem linken Ohr, gab ein rülpsendes Geräusch von sich und implodierte. An ihrer Stelle flogen ein paar Federn auf und eine kugelförmige Nebelwolke schwebte plötzlich zwischen den Bäumen. Wenig später löste sich die Wolke zischend wieder auf und am Boden saß ein Hirschkäfer mit leuchtend grünen Augen.

‚Ich werde einfach hinter das Rindenstück in den Baum krabbeln und so tun, als ob ich nach Pilzbefall am Stamminneren suche.‘, dachte der Käfer, der bei den Waldbewohnern unter dem Namen Gugi Schröter bekannt war.

Anfangs nahmen weder Querbur, noch Odio Nix von dem Käfer Notiz. Der Gnom hatte seine Umhängetasche neben sich gelegt und seine Tarnkappe abgenommen und saß mit seinem in alle Richtungen abstehenden, strubbeligen roten Haar im Schneidersitz auf dem Boden der schwach beleuchteten Baumhöhle.

„… fehlt mir die Zeit und auch die Geduld, zu warten, bis das Mistzeug wieder weg getaut ist.“, ereiferte er sich. „Ich brauche zwei Ampullen Rabitum und den Auffänger.“

Plötzlich hielt Odio Nix inne, drehte sich um und entdecke in der hintersten Ecke den augenscheinlich schwer beschäftigten Käfer. Gugi Schröter testete mit Hilfe seiner Hörner sehr geschäftig das Holz neben sich.

„Was macht der denn hier und wie lange ist der überhaupt schon da?“, fragte der empörte Gnom Querbur. Dieser war während des Zuhörens damit beschäftigt gewesen, in einem dicken Wälzer etwas zu suchen. Jetzt sah er auf, erblickte den Käfer ebenfalls, und fragte ihn weniger unfreundlich: „Hallo Gugi, du warst doch erst vor ein paar Tagen hier! Ich habe dir doch schon gesagt, dass du nicht einfach ohne Anklopfen hier reinschneien sollst!“

„Sprich dieses teuflische Wort nicht aus!“, schrie ihn Odio Nix daraufhin an. „Das bringt Unglück!“

„Ist ja schon gut.“, antwortete Querbur. „Ich nehme es zurück.“. Daraufhin ließ er ein Sauggeräusch hören, lachte herzhaft und sagte zu seinen Gästen: „Ihr wisst, dass bei mir jeder jederzeit willkommen ist, aber hier gelten meine Regeln. Odio, hier wird nicht geschrien! Und Gugi, hier wird angeklopft und um Einlass gebeten!“

Odio Nix senkte etwas beschämt den Kopf und murmelte ein leises „tschuldigung“ vor sich hin. Gugi Schröter hatte binnen zwei Minuten in der Baumhöhle gehört, was ihm wichtig erschien. Daher bat er den Troll sehr höflich um Verzeihung und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich wollte nur noch eine kurze Bestandsuntersuchung machen und habe während meiner Kopfrechnerei wohl einfach vergessen, anzuklopfen. Bitte verzeih mir, Querbur. Bis demnächst. Odio, mach es auch gut!“ Damit verschwand der Käfer wieder im Gehölz.

So schnell wie möglich musste sich Gugi Schröter wieder verwandeln, denn der Käfer war eine leichte Beute für so manches Waldtier. Unter einer dichten Tanne drehte er sich wie ein Brummkreisel um seine eigene Achse, wurde immer schneller, seine grünen Äuglein reflektierten dabei das Licht, und es schien als ob eine grüne Wolke nach oben stieg. Es zischte leise und Tytola breitete ihre Schwingen aus und flog hoch in die Luft. Da es mitten in der Nacht war, suchte sie sich einen Schlafplatz in der Tanne. Die halbe Stunde als Gugi Schröter hatte sich gelohnt, denn nun hatte Tytola bereits ein paar brauchbare Informationen.

Am Morgen flog sie ins Dorf und sah schon von oben, dass dort emsiges Treiben herrschte. Als sie daran dachte, was so alles passiert war in den letzten Monaten, schlug ihr kleines Herz vor Freude schneller. Sie sah Finn und die anderen Kinder aus dem Dorf im Schnee toben. Einige hatten einen Schneemann gebaut, und eine rote Möhre leuchtete in seinem Schneegesicht. Sogar Wopsi war zu sehen. Er tollte mit ein paar Dorfhunden im Schnee und sein Blick ging häufig zu Finn. Die zwei waren mittlerweile die besten Freunde. Nun stand Weihnachten vor der Tür und bald war Silvester. Und was noch viel schöner und wichtiger war: Es sollte eine Hochzeit geben. Auch Heinrich, den das Schicksal einst arg gebeutelt hatte, stand nun wieder auf der Sonnenseite des Lebens, denn die Liebe war zu ihm zurück gekommen. Er hatte Emilia, eine Witwe mit zwei Kindern, kennen und lieben gelernt. Michel war dreizehn und die kleine Lisa acht Jahre alt.

Anfangs hatte er der Witwe bei kleinen Reparaturen am Haus geholfen und als Dank für seine Arbeit hatte sie ihn mehrmals zu den Mahlzeiten eingeladen. Dabei hatte Heinrich auch ihre Kinder kennengelernt. Aus Nachbarschaftshilfe wurde Freundschaft und aus dieser Freundschaft schließlich Liebe.

Besonders für Michel war es anfangs nicht einfach. Er fühlte sich schon fast wie der Mann im Hause, doch er sah, wie seine Mutter aufblühte und wie sie Heinrich liebte.

Heinrich würde den Kindern wohl nie den Vater ersetzen können, doch sie sahen und spürten, wie sehr er auch sie mochte und sich um ihr Wohlergehen bemühte. Nun hatten sie beschlossen, eine Familie zu werden. Am Silvestertag sollte die Hochzeit gefeiert werden. Was gab es für einen schöneren Tag als diesen, wenn sogar vereinzelt ein paar Raketen den Himmel über der Hochzeitsgesellschaft erleuchten würden.

Das halbe Dorf war bereits mit Vorbereitungen für die Weihnachtsbäckerei beschäftigt. Die Dorfbewohner trugen schon emsig Stollen und Lebkuchenteig zum Dorfbackhaus. So ein richtiger Stollen entfaltete erst nach ein paar Wochen sein volles Aroma, und so zogen schon jetzt herrliche Düfte durchs Dorf. Aber nicht nur Weihnachten stand vor der Tür. Es wurden auch schon eifrig Pläne für die anstehende Hochzeit geschmiedet, denn so ein Fest war mit vielen Vorbereitungen verbunden. Alles hätte so schön sein können, wenn es nicht immer zu Ungereimtheiten gekommen wäre. Mal war dieses verschwunden, mal jenes. Manches tauchte an anderer Stelle wieder auf. Am Vortag hatte sogar ein kleiner Holzstapel Feuer gefangen. Das ganze Dorf war in heller Aufregung, doch der Brand konnte schnell gelöscht werden.

Josef und Heinrich hatten einen Verdacht, den sie schon mit Tytola besprochen hatten. Keiner von ihnen wusste recht, was er von Odio Nix halten sollte. Beide glaubten, dass er dem Dorf nicht wohl gesonnen sei und vermuteten Spuk und Zauberei. Es war ein Glücksfall, dass es nun schon den ganzen Tag schneite, denn so konnten sie seine winzigen Fußspuren im Schnee entdecken. Es war das einzige, was von ihm zu sehen war, denn seine geliebte Tarnkappe machte ihn unsichtbar.

Tytola landete auf dem Dachfirst des Hauses von Heinrich. Vor dem Haus waren alle beschäftigt. Mit einem lauten „Uhuuu“ machte sie sich bemerkbar. Heinrich und Josef waren dabei, dem Haus, dass zukünftig die neue Familie beherbergen sollte, den letzten Schliff zu geben. Sogar Rofibald-Geruwim saß auf einem Baumstamm und schaute dem Treiben zu. Er hatte Josef und Heinrich den Weg in ein neues Leben mit ermöglicht. Mittlerweile hatte er die beiden in sein Herz geschlossen und freute sich nun für Heinrich.

„Was hast du gesehen?“, riefen Heinrich und Josef fast gleichzeitig zum Dachfirst hinauf, denn Unruhe über die Vorkommnisse verbreitete sich im Dorf. Es sollte doch aber kein Schatten über der Hochzeit liegen.

„Ich bin seinen Spuren gefolgt.“. Aufgeregt erzählte Tytola vom Trollmagier Querbur und den Satzfetzen, die sie in der Baumhöhle aufgeschnappt hatte. Erstaunt schauten sich Josef und Heinrich an. Es musste ja eine Bewandtnis haben und wichtig für Odio Nix sein, wenn er so dringend nach dem Rabitum und dem Auffänger fragte und Querbur auch noch um Hilfe beim Verwandeln bat. Irgendwie war ihnen das Ganze nach wie vor ein Rätsel. Eifrig überlegten sie, was sie tun konnten, damit Weihnachten und die Hochzeit in ihrem Dorf friedlich und ungestört gefeiert werden konnten.

Odio Nix war genervt von der ganzen Glückseligkeit, die im Dorf lange schon Einzug gehalten hatte. Eifersucht hatte sich in seinem Gnominneren heftigst breit gemacht. Eifersucht darauf, dass sich alle im Dorf mochten, sich gegenseitig halfen und obendrein miteinander ihr Vergnügen hatten. „Pfui Teufel! Da stellen sich mir alle krummen Nackenhaare auf und verblassen vor lauter Ekel und verlieren jegliche rote Pigmente!“, fluchte er vor sich hin.

Ihm dagegen, dem oft mies gelaunten, mürrischen Grummelgnom – ihm versuchte jeder aus dem Wege zu gehen. Niemand mochte ihn. Niemand machte sich auch nur annähernd die Mühe, ihn kennenzulernen oder herauszufinden, warum er so war, wie er zu sein schien.

Wieder dahiem saß Odio Nix grollend vor seinem Kamin. Das Zaubermittel stand vor ihm auf dem Tisch, der Auffänger lag daneben. Wie von der Teufelswaldwespe gestochen, sprang Odio Nix plötzlich auf, rieb sich, mit einem fiesen Lächeln im Gesicht, die Hände und polterte dabei von einem aufs andere Bein, während er vor sich hin brummelte:

„Wa-Bumm! Kni-Kna-Knist –
der Baum, ein großes Feuerwerk plötzlich ist!
Meine Lunte – Zi-Za-Zisch –
entzündet unterm Gabentisch – wird brennen!
Und schließlich auch noch gnomenfein, wirds Feuer
Vernichter vom gerichteten Brautkleid sein.
Dazu die Geschenke – Versehen mit Knallern,
werden allen um die Ohren ballern!“

„Hahahaha…“, sein hämisches Lachen hallte durch sein modrig riechendes Stübchen. Schnaufend ließ er sich lautstark in seinen Sessel fallen, der aus Ästen und Moos bestand und dabei zu zerbersten drohte.

Er ließ seinen Gedanken weiter laut freien Lauf:

‚Meine kleine Feuerprobe, mit dem Holzstapel neulich, hat ja fantastisch funktioniert. Nicht einer dieser Heile-Welt-Dorftrottel hat auch nur irgend etwas gemerkt. Die Lunte wurde selbst auf der Suche nach Spuren von den Walddeppen Heinrich und Josef nicht entdeckt. Blind wie die Maulwürfe, die zwei. So wird es Weihnachten erst recht klappen. Da haben alle ihre Hirnrinde bei dem seligen Fest und keinen Kopf für Gefahren frei. Morgen mache ich mich auf, um alles vorzubereiten. Ich muss nur vorher den Schnee verschwinden lassen, sonst wird das Feuer erloschen sein, bevor es überhaupt richtig aufgeflammt ist. Das kann ich nicht riskieren. Das Rabitum über den Schnee geträufelt, wird jedes einzelne Schneekristall auf Querburs geflüsterte Verwandlungsformel die Form von zauberhaften kleinen Perlen annehmen. Und wie von Geisterhand werden sie in den Auffänger schweben und dort verweilen, bis die Lunte abgebrannt ist. Kurz bevor das Feuerchen toben wird, liegt der Schnee in seiner einstigen Form wieder dort, wo er vorher lag.‘

„Sooo gnomengenial, mein Plan!“. Vor Begeisterung stampft er kräftig mit seinem Fuß auf den Boden, so dass seine gesamte Behausung wackelte, als würde sie durchgeschüttelt.

Im Dorf saßen Heinrich und Josef mit Tytola zusammen und beredeten, welche Taktik sie anwenden konnten, Odio Nix weiter beobachten zu können, ohne die Weihnachts- und Hochzeitsvorbereitungen zu vernachlässigen. Denn da waren sie sich alle drei einig: Odio Nix führte etwas Böses im Schilde. Sie würden herausfinden, was es war, koste es was es wolle. Eine Idee, die direkt umgesetzt werden sollte war, Finn und Wopsi mit einzubeziehen. Immerhin hatte Wopsi eine feine Spürnase und Finn gerade Weihnachtsferien.

Und so schickten sie Finn und Wopsi sofort in Richtung Wald. Die beiden sollten in den nächsten Tagen immer wieder andere Wege beim Gassigehen nutzen, um so vielleicht Odio Nix auf die Schliche zu kommen. Währenddessen sollte Tytola immer in wechselnden Gestalten durch den Wald aber auch durch das Dorf schleichen, um nach ungewöhnlichen Geschehnissen und Vorkommnissen Ausschau zu halten. Heinrich und Josef würden weiter bei den Weihnachts- und Hochzeitsvorbereitungen helfen und dabei die Bewohner des Dorfes beobachten. Denn, so die Meinung aller Pläneschmieder, es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass vielleicht doch ein Dorfbewohner Odio Nix half, oder ihm wie ein Spion berichtete.

„Eigentlich schade, dass wir nun auch die Dorfbewohner verdächtigen und sie beobachten müssen. Sie haben uns doch so toll in ihrer Mitte aufgenommen und eine zweite Chance im Leben gegeben.“, sagte Heinrich ein wenig geknickt.

„Ja das stimmt, nur leider bleibt uns vorerst nichts anderes übrig!“, entgegnete Josef genauso traurig.

Nach der kurzen Phase der Niedergeschlagenheit besannen sich die zwei Männer jedoch auf ihre Aufgabe und machten sich auf den Weg zurück zur Dorfgemeinschaft, um das Dorf weiter weihnachtlich zu schmücken.

Und so gingen sie zu den anderen, holten aus den herangebrachten Kisten bunte Weihnachtssterne, Lichterketten, kleine Holzfiguren und Lametta heraus. Hieraus sollte sich doch das Dorf in Windeseile zu einem Weihnachts-Wunderland verwandeln lassen. Zuletzt sollte dann am Weihnachtstag noch die große Weihnachtstanne aufgestellt werden, aber hierfür hatte man ja noch ein wenig Zeit. Jetzt hieß es erst einmal: Schmücken, was das Zeug hielt.

Das ganze Dorf war dabei, und fast hätten Heinrich und Josef vergessen, dass sie bei all der Freude auch beobachten mussten, ob nicht irgendein Dorfbewohner ein Spion von Odio Nix war und ihnen am Ende noch Weihnachten und womöglich auch die Hochzeitsfeier vermiesen, wenn nicht sogar vernichten wollte.

Gar nicht weit entfernt vom Geschehen saß Odio Nix auf einer Wurzel und beobachtete das bunte Treiben auf dem Dorfplatz. Bei jedem neuen Stern, jeder neuen Lichterkette und jedem Stück Lametta, das die Bewohner um Straßenlaternen, Häuservorsprünge oder Blumenbeete banden, wuchs in ihm der Drang, dies alles zu zerstören.

Wie konnten all diese Menschen nur so glücklich sein? So voller Vorfreude auf Weihnachten? Und wie um alles in der Gnomenwelt konnte man sich so sehr auf eine Hochzeit freuen?

Plötzlich erhob sich Odio Nix, streckte sich und man dachte, er wolle ins Dorf rennen und alles kurz und klein schlagen, als er sich, den Kopf nach unten hängend, wieder auf die Wurzel setzte und zu weinen begann. Leicht bebten seine Gnomschultern und er schluchzte leise. Und noch viel leiser murmelte er: „Ich war auch mal glücklich!“

Odio Nix wusste in diesem Moment nicht, dass er die ganze Zeit von Finn und Wopsi beobachtet wurde, während Tytola in seiner Hütte war.

Odio Nix war traurig und wütend zugleich. Irgendwie wusste er, dass er früher einmal glücklich war. Warum er es aber nicht mehr war, das wusste der Gnom nicht. Schon so lange er zurückdenken konnte, war er verbittert, wütend, hasste den Schnee und glückliche Menschen. Aber auch genauso lange versuchte er sich an sein Glück zu erinnern, was ihm aber einfach nicht gelingen wollte.

Wütend darüber widmete er sich wieder der Vorbereitung seines bösen Plans. Er wollte nichts dem Zufall überlassen. Gleich neben der Wurzel, auf der er saß, war unter einer Fichte noch ein Rest Schnee. Genau den brauchte er jetzt, denn das Rabitum musste unbedingt noch getestet werden, damit ja nicht im letzten Moment noch etwas von seinem Plan schiefgehen konnte.

Also ging er zu dem Schneehaufen, träufelte etwas vom Rabitum darauf und hielt den Auffänger bereit. Er flüstere die Verwandlungsformel und ganz langsam schien es ihm, als würden sich die Schneekristalle verändern. Aber noch bevor sie sich wirklich verwandelten, wurde es ihm auf einmal schwarz vor Augen und er sank in sich zusammen.

Währenddessen war Tytola in Odio Nix‘ Hütte vollkommen erschüttert. Sie konnte kaum fassen, was sie in der verschlossenen Schatulle gefunden hatte, die verstaubt hinter einer großen Holzkiste in einer finsteren Ecke der Hütte gestanden hatte. Kurz überlegte sie, was nun zu tun war und beschloss, auf schnellstem Weg ins Dorf zu gehen. Sie musste unbedingt mit Heinrich und Josef besprechen, was sie jetzt unternehmen konnten, nachdem durch die Sachen aus der Truhe auf einmal ein ganz anderes Licht auf die Vorkommnisse gefallen war. Also verließ sie die Hütte und machte sich auf den Weg.

Finn schaute Wopsi mit großen Augen an. Was sollten sie jetzt tun? Gerade hatten sie beobachtet, wie Odio Nix in einer dunklen Ecke irgendwas gemacht hatte. Was, das konnten sie nicht erkennen. Aber sie hatten deutlich gesehen, dass der Gnom auf einmal in sich zusammengesackt war..

Wopsi huschte los, beschnüffelte den Gnom vor Ort vorsichtig und gab Finn dann schwanzwedelnd ein Zeichen. Der verstand sofort, dass keine Gefahr bestand und ging nun ebenfalls zu Odio Nix. Der Gnom lag da, atmete ruhig, schien aber nichts zu merken und tief und fest zu schlafen. Sie wussten nicht genau, was sie tun sollten, aber um genau sehen zu können, ob es vielleicht eine Verletzung gab, zogen sie Odio Nix gemeinsam erst einmal etwas ins Licht. Finn zog mit beiden Armen und Wopsi mit seinen Zähnen. Gut dass der Gnom so klein war, denn nur dadurch konnten die Beiden es überhaupt schaffen. Gerade, als Finn den Gnom genau betrachtete, kam Odio Nix langsam wieder zu sich. Er setzte sich auf, schaute den Jungen und seinen Hund erstaunt an und fragte: „Was ist passiert? Was mache ich hier und wer seid ihr?“. Finn reagierte ganz clever und sagte: „Ich bin Finn und das ist mein Hund Wopsi. Wir sind hier Gassi gegangen und haben dich hier liegen sehen. Was ist passiert?“. Dass sie ihn beobachtet hatten, sagte er natürlich nicht…

„Ich habe keine Ahnung.“, sagte der Gnom und schüttelte leicht den Kopf, „Ich weiß nicht, warum ich hier bin!“

Tytola war zwischenzeitlich bei Heinrich und Josef angekommen. Alle wurden ruhig und nachdenklich, als Tytola ihnen erzählte, warum Odio Nix so geworden war, wie er jetzt war. Einst war er ein junger und hübscher Gnom, frisch verliebt wollte er seiner Angebeteten bald einen Antrag machen. Doch dann kam dieser verhängnisvolle Tag, als er sich vom Wald aus auf den Weg zu seiner Liebsten machte. Nur sie im Sinn, stapfte er durch den Neuschnee, ohne zu beachten, wo er lang ging und wohin er trat. So kam er ein ganzes Stück vom Weg ab in einen Teil des Waldes, von dem jeder Gnom wusste, dass dort alte Artefakte aus der Vergangenheit der Gnomgemeinschaft verborgen waren, die gut bewacht wurden und denen sich niemand zu nähern hatte. Aus Respekt vor der Geschichte hielt sich jeder daran. Odio Nix aber war mit seinen Gedanken nur bei seiner Angebeteten und überlegte sich wieder und wieder die Worte, die er sich schon für sie zurechtgelegt hatte. Es kam, wie es kommen musste. Odio Nix stolperte über eine Wurzel und fiel auf eine im Dickicht versteckte Kiste, die durch seinen Aufprall samt Inhalt in tausend Teile zerbarst. Er konnte sich gar nicht so schnell aufrappeln, da standen plötzlich schon die Wächter der Gnomgemeinschaft um ihn herum. Er versuchte zu erklären, was passiert war, fand aber kein Gehör. Die Wächter hielten sich genau an die seit Jahrhunderten überlieferten Vorschriften für so einen Fall. Diese besagten, dass die Strafe dafür ein Fluch zu sein habe. Die gesamte Erinnerung und das gesamte Glück eines Schuldigen sollte in einer Schatulle verschwinden, die dieser nie wieder öffnen können sollte. Er sollte sich also nie wieder an seine Vergangenheit erinnern können. Um die Strafe aber noch zu verschärfen, sollte er jedes Mal, wenn er versuchen würde, die Schatulle zu öffnen, wieder fühlen, dass irgendwann einmal etwas in seinem Leben anders war. Nur was, das sollte er niemals herausfinden können. Die einzige Möglichkeit, die Erinnerung doch zurück zu erlangen, sollte darin bestehen, dass Fremde die Schatulle öffnen, die Geschichte darin glauben und ihm – egal was er zwischenzeitlich Böses getan hatte – Vertrauen schenken würden.

Heinrich und Josef mussten sich gar nicht erst ansehen, geschweige denn miteinander sprechen, und auch Tytola war am Ende ihres Berichtes ohne ein Wort klar, was die drei jetzt zu tun hatten. Sie machten sich sofort auf den Weg, um Odio aufzusuchen, auch wenn es schon halb dunkel war.

Sie marschierten auf dem kürzesten Weg, mitten durchs Dickicht, in Richtung seiner Hütte. Plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen, als sie Odio Nix erblickten. Er saß zwischen Finn und Wopsi an einen Baum gelehnt und sagte immer wieder: „Ich weiß einfach nicht, was passiert ist und was ich hier mache!“

Wopsi hatte die Herannahenden bemerkt, bellte kurz und rannte auf Heinrich, Josef und Tytola zu. Die hatten ihre Überraschung mittlerweile überwunden und liefen weiter zu Finn und dem Gnom.

Heinrich und Josef traten vor Odio Nix, lächelten ihn freundlich an und halfen ihm auf. „Komm mit, wir müssen dir etwas erzählen“, sagten sie freundlich zu ihm und machten sich mit ihm auf den Weg zu seiner Hütte. Tytola legte den Arm um Finn und ging mit etwas Abstand hinterher, um sich von dem Jungen erzählen zu lassen, was passiert war. In der Hütte des Gnoms, der noch immer nicht wusste, was eigentlich los war, setzten sich alle um den Tisch und Tytola holte die Schatulle aus der Ecke und stelle sie auf den Tisch. Odio Nix guckte etwas überrascht. Seine Stirn legte sich in Falten, und nach einem Moment meinte er: „Was willst du damit? Die steht hier, seit ich denken kann, aber sie lässt sich nicht öffnen.“. Er hatte keine Ahnung, warum sie hierher gegangen waren und was Tytola mit der Schatulle wollte.

Sie lächelte und sagte: „Odio Nix, wir möchten dir etwas zeigen!“ und öffnete zum Erstaunen des Gnoms einfach so den Deckel. Anschließend breitete sie den Inhalt der Schatulle auf dem Tisch aus. Es waren Schriftstücke, Tagebücher, verschiedene kleine Dinge und ein Bild von einer ausgesprochen hübschen Frau.

Als Odio Nix das Bild sah, zuckte er zusammen. Er bekam große Augen, blätterte scheinbar gedankenverloren durch die Schriftstücke, nahm die Bücher in die Hand und stammelte: „Ich glaube es nicht… diese Sachen…dieses Bild…meine Bücher! Das sind die Sachen, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte!“

Dann sprudelte es nur so aus ihm heraus. Er erzählte all die Sachen, die er vergessen hatte, erzählte von den Erinnerungen, die in der Schatulle vor ihm selbst weggeschlossen waren. Jetzt erfuhren alle noch einmal von ihm selbst, wie er einmal gelebt hatte und was mit ihm in jener Nacht geschehen war, als er durch den frisch gefallenen Schnee stapfte. Allen wurde klar, wie sehr er gelitten haben musste in der Zeit, in der er unter dem Fluch gestanden hatte.

Tytola hatte sogar eine Erklärung dafür, wieso ihm beim Testen des Rabitums schwarz vor Augen wurde. Rabitum konnte nicht nur Schnee in den Auffänger schweben lassen, sondern es hatte auch die geheime und eigentlich unbekannte Eigenschaft, in Verbindung mit dem Auffänger Flüche von einem Wesen zu entfernen. Der Gnom hatte sich versehentlich ein paar Tropfen der Flüssigkeit auf seinen Umhang gekleckert, so dass das Rabitum auf ihm seine Wirkung entfalten konnte.

Alle saßen nun eine Weile ganz still am Tisch und mussten erst einmal auf sich wirken lassen, was da in den letzten zwei Stunden geschehen war.

Als Odio Nix die Sachen schließlich wieder in die Schatulle packte, fiel sein Blick nochmals auf das Bild. Er gab es den anderen und erzählte, dass diese Frau damals seine Angebetete war, der es sicher großes Leid bereitet hatte, als er sich ganz plötzlich nicht mehr blicken ließ, weil seine Erinnerung an sie ja ausgelöscht war. Das machte alle ziemlich traurig und wortlos reichten sie das Bild reihum. Finn war der Letzte im Kreis und schon ziemlich müde nach dem langen Tag. Er sah nur kurz auf das Bild und gab es dem Gnom zurück. Der legte es in die Schatulle, schloss den Deckel und als er den Verschluss gerade zuklappte, wurde Finn plötzlich hellwach und sagte:

„Moment mal, ich kenne diese Frau!“

Odio Nix wurde ganz blass, als er Finns Worte vernahm. In seinem kleinen Körper schlug ein großes Herz und er spürte nun schon eine ganze Zeit, wie sehr er diese Frau noch immer liebte. Er verfluchte sich und seine Unachtsamkeit noch immer, hatte er sich doch selbst am meistens damit geschadet.

Alle um ihn herum waren glücklich und zufrieden und ganz aufgeregt wegen des Weihnachtsfests und der bevorstehenden Hochzeit. Schon wollte wieder so etwas wie Neid und Missgunst in ihm aufkeimen. Schnell schob er die schlechten Gedanken beiseite, denn es waren doch diese Menschen, die dazu beigetragen hatten, die Schatulle der Vergangenheit für ihn zu öffnen und die ihm ihr Vertrauen geschenkt hatten. Dankbarkeit und ein Gefühl der Hoffnung machten sich in ihm breit. Sollte er doch noch einen Zipfel Glück in seinem Leben bekommen?

Finn schaute sich unterdessen das Bild der Frau noch einmal ganz genau an. Sie kam ihm wirklich bekannt vor, auch wenn sie auf diesem Bild irgendwie jünger aussah. Seine Gedanken rotierten. Wo hatte er sie nur gesehen? Plötzlich fiel es ihm ein. In der Grundschule hatte sie im letzten Jahr als Bibliothekarin im Rahmen eines Lesewettbewerbes Märchenbücher vorgestellt. Ganz aufgeregt erzählte er es sofort den anderen am Tisch. Nun prasselten die Fragen nur so auf ihn ein, denn natürlich wollten alle wissen, wer diese Frau war. Alle sprachen wild durcheinander. Schließlich verschaffte sich Heinrich lautstark Gehör.

„Ruhe jetzt!“, rief er. „Lasst Finn doch erst einmal zu Wort kommen!“. Und so erzählte Finn, dass er die kleinwüchsige Frau bei gelegentlichen Besuchen im Nachbardorf gesehen hatte, als er sich neuen Lesestoff in der Bibliothek ausleihen wollte. Sie war dort sehr beliebt, denn sie hatte besonders zu Kindern ein freundschaftliches Verhältnis. Ihre kleine Gestalt und ihr Aussehen ließ die Kinder glauben, sie selbst sei einem Märchenbuch entsprungen. Doch leider war sie oftmals tieftraurig und ihr Lächeln erreichte nie ihre Augen. Alle ahnten, dass sie ein tiefes Leid mit sich herumtrug.

Odio Nix Blick wurde wieder traurig, denn er fühlte sich schuldig und für das Leid seiner Liebsten verantwortlich. Wie verzweifelt musste sie sein? Sie hatten einst von der großen Liebe gesprochen und Pläne geschmiedet, und plötzlich war er spurlos verschwunden. Das Herz wurde ihm schwer. Alle Menschen um ihn herum hatte er enttäuscht und ihnen Böses gewünscht und getan, und nun sollten sie ihm helfen? War das möglich? Und was für ihn noch wichtiger war: Würde seine Liebste ihm verzeihen und hatte ihre Liebe überhaupt noch eine Chance? Fragen über Fragen gingen in seinem Kopf herum.

Während alle durcheinander redeten und Odio vor Gram immer weiter in sich zusammensank, ahnte niemand, was zur gleichen Zeit im Nachbardorf geschah…

Der Tag neigte sich dem Ende zu und mit der Dämmerung zogen dicke Wolken auf. Martha räumte die letzten Bücher, die ein paar Kinder kurz zuvor zurückgebracht hatten, an ihre Plätze zurück. Schließlich schloss sie die reich verzierte Eingangstür von innen ab. Danach nahm sie ihr kleines Höckerchen und stellte es an die Garderobe. Sie stieg hinauf und reckte sich gerade nach oben, als es plötzlich wackelte und sie nach hinten umkippte. Martha kullerte über den Boden und verfing sich dabei in ihrem herunter gerissenen Mäntelchen. Schließlich blieb sie auf dem Rücken liegen. Obwohl sie sich nicht wehgetan hatte, wurde sie nun noch trauriger.

Jeden Tag lächelte sie und war immer freundlich zu allen und ganz besonders lieb zu den vielen Kindern. Es war ein schwerer innerer Kampf für sie, immerzu gegen ihre Tränen anzukämpfen. Als sie nun so hilflos am Boden lag, konnte sie die Tränen nicht länger zurück halten und begann hemmungslos zu weinen.

„Odio!“, rief sie verzweifelt. „Warum bist du nicht zurück gekommen? Warum nur? Ich kann nicht mehr auf dich warten. Alles hier erinnert mich an dich. Ich kann einfach nicht mehr…“.

Martha weinte minutenlang. Erschöpft stand sie langsam auf, ging nach hinten ins Büro und starrte auf ihr Köfferchen. Lange hatte sie überlegt, ob sie es tun sollte. Doch immer wieder hatte sie gehofft, dass irgendwann die Türglocke bimmelte, die Bibliothekstür aufging und Odio herein kam. Der Sturz vom Hocker hatte nun für sie das Fass zum Überlaufen gebracht. Nein, so konnte es nicht weitergehen! Sie zog ihr Mäntelchen über, schnappte ihr fertig gepacktes Köfferchen und verließ ihre geliebte Bibliothek durch die Hintertür. Als sie abgeschlossen hatte, blickte sie hinauf in den Himmel. Dort türmten sich schwere Wolken auf und es hatte bereits angefangen zu schneien. Martha machte sich über einen Umweg auf zum Bahnhof. Sie wollte weg von hier, brachte es jedoch nicht übers Herz, sich von ihren Freunden zu verabschieden. Nach wenigen Schritten schneite es bereits dichte, dicke Flocken und das Schneetreiben wurde immer stärker. Martha versank bereits bei jedem Schritt bis zu den Knöcheln im Schnee. Das Ganze gefiel ihr gar nicht. Der Umweg, den sie ging, um nicht gesehen zu werden, war wohl eine schlechte Idee gewesen. Noch bevor sie sich umentscheiden und zurück gehen konnte, trieb in hohem Tempo ein heftiger Schneesturm heran. Von einer Sekunde auf die andere konnte sie nichts mehr sehen und ein Weiterkommen wurde für sie unmöglich. Angst stieg in ihr auf.

Auch im Wald, wo noch immer viele Fragen an Finn gerichtet wurden, fing es an zu schneien. „Wir sollten hier recht schnell verschwinden, bevor der Schnee stärker wird und wir nicht mehr ins Dorf zurück können!“, sagte Heinrich und erhielt von den anderen Zustimmung. Als Josef in Odio Nix kleinem Gesicht Verzweiflung aufkommen sah, sagte er zu ihm: „Odio, mach dir keine Sorgen! Morgen kommen wir wieder und dann überlegen wir, wie wir deine Martha finden können. Ruh dich erst einmal aus und koche dir einen Wurzelbeerentee. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“. Und so machten die anderen sich auf den Weg zurück ins Dorf. Kaum waren sie dort angekommen, wurde der Schnee stärker und man sah fast die Hand vor Augen nicht mehr.

In seinem Haus ließ Odio Nix unterdessen die Ereignisse des Tages noch einmal an sich vorbeiziehen. Konnte es möglich sein, dass er sein Glück wiederfinden würde oder es sogar schon gefunden hatte? Konnte es wirklich möglich sein, dass er seine geliebte Martha wieder in die Arme schließen würde? Er musste sie unbedingt sehen und ihr alles erklären. Am liebsten wäre er sofort hinunter ins Dorf gelaufen, aber dieser verflixte Schnee ließ es nicht zu. Als er aus dem Fenster schaute, sah er nur noch Weiß. Es war kein Baum, kein Weg, einfach nichts mehr zu erkennen. Er würde sich bis zum nächsten Tag gedulden müssen, um endlich wieder bei seiner Martha zu sein. Dass der Schnee am nächsten Tag nicht weggetaut sein und es keinen Weg vom Wald ins Dorf und umgekehrt geben würde, das wussten zu diesem Zeitpunkt weder Odio Nix noch die Bewohner des Dorfes.

Und auch Martha, die in der Zwischenzeit Schutz an einer Scheunenwand gefunden hatte, konnte es nicht ahnen. Sie zitterte vor Kälte und war völlig entkräftet. Ihr kleines Köfferchen hatte sich in einer Schneewehe verfangen und sie konnte nicht mehr die Kraft aufbringen, es dort heraus zu ziehen. Dieser viele Schnee, der sich durch den Sturm stellenweise bereits zu richtigen Bergen aufgetürmt hatte, ließ sie mutlos werden. Sie glaubte mittlerweile nicht mehr daran, dass sie den Weg zum Bahnhof noch schaffen würde. Vorsichtig tastete sie sich an der Scheunenwand entlang. Hoffentlich hatte sie Glück und das Scheunentor war nicht verschlossen. Endlich ertastete sie einen Riegel, den sie mit ihren vor Kälte fast starren Fingern Stück für Stück zurück schob. Mit Müh und Not ließ sich das schwere Tor nun einen kleinen Spalt weit öffnen und Martha konnte hinein schlüpfen. Schnell drückte sie es mit letzter Kraft von innen wieder zu und ließ sich schließlich erschöpft auf den Boden gleiten.

Wieder fing sie an zu weinen. Endlich hatte sie sich für einen Neuanfang entschieden, wollte alles Leid hinter sich lassen und in der Stadt ihr Glück suchen und nun machte ihr der Schneesturm einen Strich durch die Rechnung. Erinnerungen an jenen Tag kamen hoch. Auch damals hatte es so heftig geschneit und ihr Odio war bis heute nicht erschienen. Warum hatte ihr Leid schon wieder mit Schnee und nichts als Schnee zu tun?

Lang hielt Martha es auf dem kalten Boden nicht aus. Sie stand auf, holte ein Päckchen Streichhölzer aus ihrer Manteltasche hervor und entzündete vorsichtig ein Hölzchen, um sich umzusehen. Wegen der kurzen Brenndauer reichte ihr das erste Lichtlein nicht, um die Scheune zu erkunden. Mit Hilfe des zweiten entzündeten Hölzchens erkannte sie im hinteren Teil Strohballen und eine leere Pferdebox, an deren Wand eine Mistgabel angelehnt stand. Neben verschiedenem Pferdegeschirr, das an einem Balken hing, fiel ihr zu ihrer Erleichterung auch eine Laterne ins Auge, die sie mit einem dritten Hölzchen entzündete. Ein Pferd war nicht im Stall. In ihr keimte die Hoffnung auf, dass der Besitzer vielleicht noch mit seinem Ross unterwegs war. Zwischen den Heuballen suchte sie Schutz vor der Kälte. Ihr war klar, dass sie alleine bei dem Schneegestöber nicht weiterkam.

Odio Nix hatte in der Nacht kaum geschlafen. Immer wieder lief er verzweifelt vor sich hin schimpfend ans Fenster und schlug mit den Worten: „Diese leidige weiße Pest!“ mehrmals mit seiner kleinen Faust auf die Fensterbank. Er war wütend und sehr besorgt zugleich, denn er hatte das Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief. Doch was sollte er tun? Schon drei Mal hatte er versucht, seine Haustür zu öffnen. Jedes Mal hatte er sie schnell wieder geschlossen, weil der Schnee so hoch vor seinem Türchen lag, dass bei jedem Öffnen ein großes Häufchen in seine Behausung eindrang.
Natürlich brodelte der Gedanke in seinem Kopf, sich mit Hilfe des Rabitums einen Weg zu schaffen, aber es würde nicht reichen, um diese Schneeberge zu bezwingen und es durch den ganzen Wald zu schaffen. Beim vierten Versuch, die Tür zu öffnen, setzte er es dann doch ein, so dass er sich zumindest einen kleinen Pfad bis zum nächsten Baumstumpf freilegen konnte, von dem aus er etwas bessere Sicht hatte. Erleichtert stellte er fest, dass es aufgehört hatte zu schneien.

Im Dorf herrschte unterdessen bereits eifriges Treiben. Die Dorfbewohner waren fast alle dabei, den Schneebergen den Garaus zu machen. Das war eine große Herausforderung, denn so viel, wie in der letzten Nacht, hatte es ewig nicht geschneit. Auch Josef und Heinrich packten kräftig mit an. Nebenbei überlegten sie, wie sie es durch den Wald zu Odio Nix schaffen konnten, um mit ihm zusammen seine Martha im Nachbardorf zu suchen. Zumal die Zeit auch anderweitig drängte. Die letzten Weihnachtsvorbereitungen waren fast erledigt und die Hochzeit stand an. Die Feierlichkeiten standen unmittelbar bevor.

Heinrich rief Josef zu: „Ein Wunder muss her!“. Kaum hatte er das ausgesprochen, hörte er ein langes „Psssssst!“. Er drehte sich um und hörte erneut: „Pssssssst, hier bin ich!“. Es kam von dem Baum direkt vor ihm. Er entdeckte Rofibald-Geruwim, der dahinter stand und ihm nun ein Zeichen gab, dass er und Josef zu ihm kommen sollten. Heinrich legte den Arm um Josefs Schulter und zog diesen mit sich hinter den Baum.

Es war aber nicht nur Rofibald, der sich dort versteckt hielt. Auch Tytola und ihre Schwestern Tamina und Aurelia waren da. Rofibald wedelte mit seiner Rufwurzel und erklärte kurz und knapp, dass er den Chef angerufen und um Rat gebeten hatte, nachdem er ihm kurz über die Vorkommnisse berichtet hatte. Der Chef hatte ihm schnelle Hilfe zugesagt. Und tatsächlich, da war er auch schon, der Weihnachtsmann-Schlitten! Zwei Wichtel führten die Rentiere. Ohne lange zu zögern kramten sie in einem der Säcke, aus dem sie schließlich drei Fläschchen hervor holten. Sie übermittelten kurz die Nachricht vom Chef, wie die drei Schleiereulen damit Wege frei machen sollten, damit Heinrich und Josef Odio Nix abholen konnten, um ins Nachbardorf zu eilen. Woher der Chef auf die Schnelle das Rabitum besorgt hatte, das wussten sie allerdings nicht.

Martha hatte sich aus Stroh ein Lager für die Nacht bereitet. Eng hatte sie ihr Mäntelchen um sich gezogen. So viele Gedanken waren ihr durch den Kopf gegangen, und sie hatte sich vorgenommen, am nächsten Tag den Weg zum Bahnhof fortzusetzen. Irgendwann waren ihr die Augen zugefallen.

Mit einem leisen Schrei schrak sie nun plötzlich aus dem Schlaf, denn etwas warmes, feuchtes hatte sie im Gesicht berührt. Als sie erschrocken die Augen aufriss, blickte sie in die großen, braunen, glänzenden Augen eines Pferdes, das sie immer wieder anstupste. Durch ihren Schrei war Bauer Brix aufmerksam geworden. Sofort schaute er nach, was seine Lotte da gesehen hatte. Vor ihm lag Martha im Heu, die sich schnell aufrappelte.

„Sag Martha, was machst du bei diesem Wetter in meiner Scheune? Warum bist du nicht zu Hause in deiner warmen Stube?“. Verlegen zupfte sich Martha das Stroh aus dem Haar und wusste im ersten Moment gar nicht, was sie antworten sollte. Doch dann sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus, und sie erzählte Bauer Brix ihre ganze Geschichte. Von ihrer großen Liebe zu Odio Nix, von der geplanten Hochzeit und dass sie so lange gewartet und nie wieder etwas von ihm gehört hatte. Immer wieder wurden ihre Worte von Schluchzern unterbrochen und Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sogar der hart gesottene Bauer musste sich am Ende ihrer Geschichte verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Martha merkte, dass es ihr gut getan hatte, sich ihr Leid von der Seele zu reden. Zu lange hatte sie ihre Sorgen still mit sich herumgetragen.

„Ja Mädchen, was mach ich jetzt mit dir?“, sprach der Bauer. „Auch ich habe in meiner Scheune Schutz vor dem Schneetreiben gesucht. Zum Glück hat es mittlerweile aufgehört zu schneien. Du musst auf dein Herz hören. Wenn du meinst, in der Stadt ein neues Leben beginnen zu wollen, dann wünsche ich dir von Herzen Glück. Draußen dämmert es langsam. Wir können nachher, wenn es richtig hell ist, versuchen, zum Bahnhof zu reiten.“

Etwas später sattelte der Bauer seine Lotte, setzte die kleine Martha vor sich in den Sattel und sie machten sich hoch zu Ross auf den Weg zum Bahnhof. Die Hufabdrücke waren im Schnee gut zu sehen….

Während die drei sich durch den Schnee zum Bahnhof kämpften, fuhren die anderen in rasantem Tempo auf dem Schlitten zu Odio Nix in den Wald hinauf. Dort angekommen, fanden sie seine kleine Baumhöhle leer vor. Odio war verschwunden. „Nicht auch das noch!“, rief Josef. Sie wussten alle, dass die Zeit drängte. Heinrichs zukünftige Frau Emilia wartete auch schon im Dorf, um mit ihm die letzten Hochzeitsvorbereitungen zu treffen. Sie konnte unmöglich alles alleine schaffen.

„Da!“, rief Heinrich und deutete auf eine freigelegte Spur im Schnee. Sie folgten dieser Spur, die plötzlich in einer hohen Schneewehe endete. „Verflixt nochmal!“, wetterte Josef. „Wo ist denn bloß Odio hin? Warum konnte er nicht warten?“. Doch dann hörten beide dumpfe Rufe und Schnee rieselte von dem kleinen Hügel zu ihren Füßen.

„Odio!“, riefen sie erschrocken und griffen gleichzeitig beherzt in den Schnee, wo sie den Gnom packten und ihn aus der Schneewehe herauszogen. „Verfluchter Schnee!“, zeterte Odio. Zappelnd hing er in der Luft, sodass Heinrich und Josef loslachen mussten. Vorsichtig stellten sie ihn ab. „Lacht nicht! Das hat mir alles zu lange gedauert. Ich muss meine Martha finden. Ich habe plötzlich so ein ungutes Gefühl. Wir müssen uns beeilen. Allerdings ist mir mein Rabitum ausgegangen und ich wollte…“

„Stopp, stopp, stopp!“, unterbrach ihn Heinrich. „Wir haben Hilfe bekommen! Sieh nur!“. Er holte die drei Fläschchen aus dem Säckchen hervor. „Die sind vom Chef!“. Odio Nix war ziemlich verwundert und wollte wissen, woher sie diese denn nun hatten. Das wussten die beiden Männer aber auch nicht. „Aber selbst das wird niemals reichen!“, entgegnete Odio. „Ich war gerade auf dem Weg zu Querbur, dem Trollmagier. Der hat noch viel mehr davon. So kurz vorm Ziel ist mir mein Rabitum dann leider ausgegangen, verflixt nochmal!“.

„Dafür haben wir aber keine Zeit mehr.“, sagte Heinrich. „Nein, Odio hat recht.“, meinte Josef nun. „Stellenweise ist der Schnee so hoch, dass wir auch mit dem Schlitten nicht durchkommen. Wir brauchen noch mehr Fläschchen. Das Nachbardorf ist ja nun mal nicht um die Ecke. Wir können doch jetzt nicht ewig durch den Wald stapfen.“.

„Müssen wir auch nicht.“, sagte Odio und deutete auf eine knorrige, alte Eiche. „Da wohnt Querbur.“.

„Dann nichts wie hin!“, rief Heinrich und alle stiefelten zum Baum und hämmerten wie wild gegen die Rinde.

„Ist ja gut! Ja, ja! Nun macht mal nicht so einen Krach!“, kam eine knarzige Stimme aus dem Baum.

„Wir brauchen dringend deine Hilfe!“, riefen alle drei wie aus einem Munde.

„Das weiß ich längst. Ihr seid so laut, dass ich ohnehin alles mitgehört habe.“. Knarrend öffnete sich eine kleine, schiefe Tür und der Magier erschien. Wie starre Äste standen seine Haare vom Kopf ab. Seine kleinen braunen Augen schauten belustigt von einem zum anderen, und in seinen Händen hielt er ein Säckchen. „Hier, das ist mehr als genug. Damit kommt ihr bis ins nächste Dorf und sogar noch weiter. Ich wünsche euch viel Erfolg und findet Martha!“. Damit drehte er sich um und verschwand wieder in seinem Baum.

Das Säckchen mit den Fläschchen sah genau so aus, wie das vom Chef. Nun ahnten die drei, dass der wohl höchstpersönlich beim Trollmagier das Rabitum besorgt hatte.

Hoch oben flogen zwei Eulen große Kreise und stießen Rufe aus. Irgend etwas stimmte nicht. Sie eilten zum Schlitten, wo Rofibald mit den anderen beiden Wichteln wartete. „Wo bleibt ihr denn!“, rief er schon von weitem. Nun kamen die Eulen herab geflogen, und auch die dritte Eule näherte sich geschwind. Es war Tamina, die rief: „Ihr müsst euch sputen. Ich war gerade im Nachbardorf die Lage erkunden. Das ganze Dorf ist in Aufruhr. Die Bibliothek wurde nicht geöffnet und Martha ist verschwunden. Sie haben schon angefangen zu suchen.“.

„Ich wusste, dass etwas nicht stimmt!“ rief nun Odio verzweifelt. Sofort brachen alle auf. Die Eulen flogen mit dem Rabitum voraus, träufelten den Weg frei, und der Schlitten fuhr im halsbrecherischen Tempo wieder hinab ins Tal zum Nachbardorf.

Sie wichen tiefhängenden Ästen und Zweigen aus und wären beinahe mit einem Baumstamm kollidiert. Endlich bremsten sie unten im Tal am Rande des Dorfes. Versteckt hinter einer Anhöhe setzten Rofibald und die zwei Helferwichtel die drei ab.

„Ab hier müsst ihr es allein weiter schaffen. Wir müssen den Schlitten zurückbringen und haben auch noch viel Arbeit vor uns.“. Damit rauschten sie ab und verschwanden im Wald. Heinrich, Josef und Odio stapften auf dem freigelegten Weg über die Anhöhe. In diesem Moment brach die Wolkendecke auf, der Himmel erstrahlte in einem wunderschönen Blau, und die Sonne schickte ihre Strahlen hinunter. Der Schnee ringsum glitzerte und funkelte wie tausende von kleinen Sternen. Plötzlich ertönte hinter ihnen ein Wiehern. Erstaunt blickten die drei sich um, als ein wunderschönes, weißes Pferd auftauchte.

„Guckt nicht so verwundert.“, sprach das Pferd.

„Ein sprechendes Pferd!“, rief Heinrich fassungslos, riss sich die Mütze vom Kopf und raufte seine Haare. Josef stand wie versteinert da.

„Ich bin es doch nur, Utila. Ihr wisst doch, dass ich mich in jedes Wesen verwandeln kann.“. Dann lachten alle drei los. „Utila, du machst Sachen. Aber warum bist du jetzt hier?“, fragte Josef. „Ich werde euch natürlich auch helfen. Odio kann sich auf meinen Rücken setzen. und nun los ins Dorf. Alle suchen schon nach Martha!“.

Die drei Eulen flogen weiterhin voraus und halfen bei der Suche. Von oben hatten sie natürlich eine viel bessere Sicht. Die Dorfbewohner hatten die Wege bereits freigeschaufelt, so dass der Schnee sich links und rechts der Wege auftürmte. Überall herrschte emsiges Treiben. Viele kamen auf die drei zu und erzählten von Martha und dass man nicht wisse, wo sie sei.

Nirgendwo war Martha aufzufinden. Sie suchten jeden Winkel ab, bis sie zum Rande des Feldes kamen. Der Feldweg war völlig zugeschneit und niemand glaubte, dass Martha diesen gegangen sei. Doch dann kam Tytola angeflogen. Sie kreiste über Odios Kopf und rief: “Da hinten im Feld steckt ein Köfferchen im Schnee. In der Nähe einer Scheune. Aber wir haben Martha dort nirgends gefunden.“.

„Oh nein, nicht dass meine Martha eingeschneit wurde und womöglich erfroren ist!“, weinte Odio. Für ihn war diese Vorstellung kaum auszuhalten.

Die Eulen träufelten weiterhin in Windeseile das Rabitum den Weg entlang und Odio ritt auf Utila schnell voran. Heinrich und Josef konnten natürlich nicht mithalten. Dennoch rannten sie hinterher. Schließlich wollten auch sie Martha retten. Die Scheune kam in Sicht, und am Scheunentor beginnend waren tiefe Hufspuren im Schnee zu erkennen. „Schnell! Da lang!“, rief Odio aufgeregt. Man sah deutlich, dass sich ein großes Pferd durch den Schnee gekämpft hatte. Sie folgten dieser Spur, die sich endlos dahin wand. Hinter einer kleinen Baumgruppe tauchte schließlich der Bahnhof auf.

Ein Gedanke machte sich plötzlich in Odios Kopf breit: Ob Martha weg gefahren war? Einfach so auf Nimmerwiedersehen?

Die Eulen stießen wieder Rufe aus. „Schnell! Beeilt euch!“. Utila galoppierte jetzt so schnell, dass Odio auf ihrem Rücken heftig durchgeschüttelt wurde. Er hatte Mühe, sich zu halten und nicht vom Pferd zu fallen. Endlich erreichten sie den Bahnhof. Dort sahen sie den Bauern mit seinem Pferd.

„Wo ist Martha?“, schrie Odio. Pfeifend, dampfend und qualmend fuhr gerade der Zug ein. Die Dorfarbeiter hatten gut geschuftet und die Schienen freigelegt. Der Bauer schaute Odio traurig an. Sein Zeigefinger zeigte zum Ende des Bahnhofs. Ganz hinten, beim letzten Wagon, sah Odio seine Martha. Sie stand da und starrte die Waggontür an.

„Ich habe versucht sie zu überreden, hier zu bleiben.“, sagte der Bauer. Doch Odio hörte schon nicht mehr hin. Er sprang vom Pferd und rannte schreiend den Bahnsteig entlang: “Marthaaaa! Warte! Fahr nicht weg!“

Verwundert drehte sich Martha langsam in seine Richtung. Die Stimme kam ihr bekannt vor. Zwischen den Reisenden sah sie die roten Haare auf und ab hüpfen. War das wirklich ihr Odio, oder träumte sie nur? Tränen schossen ihr in die Augen und sie rannte ihm entgegen. „Odiooo!“

Weinend und voller Freude fielen die zwei Gnome sich um den Hals, klammerten sich aneinander und wollten sich nie wieder loslassen. Alle um sie herum begannen zu applaudieren. Vielen der Umstehenden traten jetzt Tränen in die Augen. Sie waren glücklich darüber, dass die zwei Liebenden sich wiedergefunden hatten.

Martha und Odio schauten sich nur an und die Welt um sie herum schien stillzustehen. So viele Fragen brannten Martha auf den Lippen. Noch immer konnte sie nicht fassen, dass ihr Odio nun leibhaftig vor ihr stand. „Odio, Odio,“, stammelte sie, „wo bist du gewesen? Warum bist du damals nicht gekommen?“.

„Ach mein Liebling,“, meinte Odio, „das ist eine lange Geschichte und ich werde sie dir später in Ruhe erzählen. Was mir aber viel wichtiger ist…“. Der Gnom sank vor ihr auf die Knie. „Willst du immer noch meine Frau werden?“

Wieder fing Martha an zu weinen und Odio sank schon der Mut. Doch dann kam ein lautes „Ja“ aus tiefster Seele. Was war das für eine Freude! Alle Umstehenden kamen sofort heran, um den beiden ihre Glückwünsche auszusprechen.

Der Zug hatte mittlerweile schnaufend den Bahnhof verlassen und die Gruppe trat den Heimweg an. Odio nahm seine Martha mit in seine Baumhütte und erzählte ihr später von seinem Missgeschick und dem Fluch, der damit einherging. Er erzählte auch von seinen bösen Taten, die er begangen hatte, weil er den Menschen um sich herum ihr Glück nicht gegönnt hatte. „Ich glaubte, alles verloren und vergessen zu haben. Doch genau diese Menschen haben mir ihr Vertrauen geschenkt.“, sprach Odio voller Ehrfurcht. Liebevoll nahm Martha ihren Odio in die Arme und sagte leise: “Ich habe immer an dein gutes Herz geglaubt und nur in ganz dunklen Stunden, wenn ich tief verzweifelt war, an deiner Liebe gezweifelt. Dafür bitte ich dich um Verzeihung.“

Im Dorf gab es auch viel zu erzählen. Die Geschichte um Odio und seine Martha machte die Runde. Wieder war ein kleines Wunder in der Weihnachtszeit geschehen. Die Weihnachtsvorbereitungen liefen derweil auf Hochtouren und Heinrich und Emilia planten noch weiter ihre Hochzeit zu Silvester.

Eines Abends klopfte es an die Tür des Dorfgemeinschaftshauses, in dem die Dorfbewohner damit beschäftigt waren, alles festlich für das Weihnachtsfest zu schmücken. Vor der Tür standen Odio und Martha. Sie waren gekommen, um sich noch einmal persönlich bei den lieben Menschen zu bedanken, die ihrer Liebe eine neue Chance ermöglicht hatten. Natürlich erzählten Odio und Martha auch, dass sie den Bund der Ehe schließen wollten. Auf einmal riefen Heinrich und Emilia fast gleichzeitig: „Dann lasst uns doch eine Doppelhochzeit feiern!“. Jubel brandete auf. Odio und Martha schauten sich verliebt in die Augen und konnten nur glücklich nicken.

Später wurde im Dorf ein herrliches Weihnachtsfest gefeiert. Wieder gab es auf dem Dorfplatz eine festlich geschmückte Weihnachtstanne, die Kinder freuten sich über ihre Geschenke und man sprach vom Fest der Liebe, das wieder Wirklichkeit geworden war.

* * *

Heute war nun Silvester. Das ganze Dorf war auf den Beinen. Schon lange hatte man auf laute Böller und Knaller verzichtet, um die Tiere nicht zu verschrecken. Für die Kinder gab es Knallbonbons und Wunderkerzen. Was aber noch viel aufregender war, das war die anstehende Doppelhochzeit.

Zwei wunderschöne Bräute wurden von ihren Liebsten sehnsüchtig in der Kirche erwartet. Als die beiden Frauen das Kirchenschiff betraten, ging ein Raunen durch die Menge. Wie zwei Engel sahen sie in ihren Kleidern aus. Draußen hatte es wieder zu schneien begonnen, und als Martha auf ihren Odio zuschritt, konnte er das Glitzern der Schneekristalle in ihrem Haar sehen, die wie hunderte Diamanten strahlten. Nie hatte Martha schöner ausgesehen. Friede machte sich tief in ihm breit. Am Ende hatte der Schnee seine Martha in eine wunderschöne Winterbraut verzaubert. Schließlich gaben sich die beiden Brautpaare in einer tief bewegenden Trauungszeremonie das Jawort.

Anschließend gab es im Dorf ein rauschendes Hochzeitsfest. Es wurde geschmaust und getrunken, gesungen und getanzt. Heinrich hatte wieder eine große Liebe gefunden. Ihm war noch einmal ein Schatz in Form seiner Emilia und ihren Kindern geschenkt worden. Odio und Martha hatten den Glauben an die Liebe wiedergefunden und waren nun die glücklichsten Gnome der Welt.

Als um Mitternacht die Glocken zwölfmal schlugen, traten alle nach draußen und hießen das neue Jahr willkommen. Den Himmel schmückte ein Feuerwerk aus dem Nachbardorf. Silberne Sterne, goldene Fontänen und bunte Feuerschweife stiegen auf. Und so lebten sie alle glücklich und zufrieden bis zur nächsten Weihnachtszeit.

– Ende –

Audioversion, gesprochen von Sigurd

Weihnachtsgeschichte 2019 – Abschlußepisode Teil 3 – ENDE (inkl. Audioversion)

Das Schneewunder

Abschlussepisode von allen Autoren – Teil 3

„Ich wusste, dass etwas nicht stimmt!“ rief nun Odio verzweifelt. Sofort brachen alle auf. Die Eulen flogen mit dem Rabitum voraus, träufelten den Weg frei, und der Schlitten fuhr im halsbrecherischen Tempo wieder hinab ins Tal zum Nachbardorf.

Sie wichen tiefhängenden Ästen und Zweigen aus und wären beinahe mit einem Baumstamm kollidiert. Endlich bremsten sie unten im Tal am Rande des Dorfes. Versteckt hinter einer Anhöhe setzten Rofibald und die zwei Helferwichtel die drei ab.

„Ab hier müsst ihr es allein weiter schaffen. Wir müssen den Schlitten zurückbringen und haben auch noch viel Arbeit vor uns.“. Damit rauschten sie ab und verschwanden im Wald. Heinrich, Josef und Odio stapften auf dem freigelegten Weg über die Anhöhe. In diesem Moment brach die Wolkendecke auf, der Himmel erstrahlte in einem wunderschönen Blau, und die Sonne schickte ihre Strahlen hinunter. Der Schnee ringsum glitzerte und funkelte wie tausende von kleinen Sternen. Plötzlich ertönte hinter ihnen ein Wiehern. Erstaunt blickten die drei sich um, als ein wunderschönes, weißes Pferd auftauchte.

„Guckt nicht so verwundert.“, sprach das Pferd.

„Ein sprechendes Pferd!“, rief Heinrich fassungslos, riss sich die Mütze vom Kopf und raufte seine Haare. Josef stand wie versteinert da.

„Ich bin es doch nur, Utila. Ihr wisst doch, dass ich mich in jedes Wesen verwandeln kann.“. Dann lachten alle drei los. „Utila, du machst Sachen. Aber warum bist du jetzt hier?“, fragte Josef. „Ich werde euch natürlich auch helfen. Odio kann sich auf meinen Rücken setzen. und nun los ins Dorf. Alle suchen schon nach Martha!“.

Die drei Eulen flogen weiterhin voraus und halfen bei der Suche. Von oben hatten sie natürlich eine viel bessere Sicht. Die Dorfbewohner hatten die Wege bereits freigeschaufelt, so dass der Schnee sich links und rechts der Wege auftürmte. Überall herrschte emsiges Treiben. Viele kamen auf die drei zu und erzählten von Martha und dass man nicht wisse, wo sie sei.

Nirgendwo war Martha aufzufinden. Sie suchten jeden Winkel ab, bis sie zum Rande des Feldes kamen. Der Feldweg war völlig zugeschneit und niemand glaubte, dass Martha diesen gegangen sei. Doch dann kam Tytola angeflogen. Sie kreiste über Odios Kopf und rief: “Da hinten im Feld steckt ein Köfferchen im Schnee. In der Nähe einer Scheune. Aber wir haben Martha dort nirgends gefunden.“.

„Oh nein, nicht dass meine Martha eingeschneit wurde und womöglich erfroren ist!“, weinte Odio. Für ihn war diese Vorstellung kaum auszuhalten.

Die Eulen träufelten weiterhin in Windeseile das Rabitum den Weg entlang und Odio ritt auf Utila schnell voran. Heinrich und Josef konnten natürlich nicht mithalten. Dennoch rannten sie hinterher. Schließlich wollten auch sie Martha retten. Die Scheune kam in Sicht, und am Scheunentor beginnend waren tiefe Hufspuren im Schnee zu erkennen. „Schnell! Da lang!“, rief Odio aufgeregt. Man sah deutlich, dass sich ein großes Pferd durch den Schnee gekämpft hatte. Sie folgten dieser Spur, die sich endlos dahin wand. Hinter einer kleinen Baumgruppe tauchte schließlich der Bahnhof auf.

Ein Gedanke machte sich plötzlich in Odios Kopf breit: Ob Martha weg gefahren war? Einfach so auf Nimmerwiedersehen?

Die Eulen stießen wieder Rufe aus. „Schnell! Beeilt euch!“. Utila galoppierte jetzt so schnell, dass Odio auf ihrem Rücken heftig durchgeschüttelt wurde. Er hatte Mühe, sich zu halten und nicht vom Pferd zu fallen. Endlich erreichten sie den Bahnhof. Dort sahen sie den Bauern mit seinem Pferd.

„Wo ist Martha?“, schrie Odio. Pfeifend, dampfend und qualmend fuhr gerade der Zug ein. Die Dorfarbeiter hatten gut geschuftet und die Schienen freigelegt. Der Bauer schaute Odio traurig an. Sein Zeigefinger zeigte zum Ende des Bahnhofs. Ganz hinten, beim letzten Wagon, sah Odio seine Martha. Sie stand da und starrte die Waggontür an.

„Ich habe versucht sie zu überreden, hier zu bleiben.“, sagte der Bauer. Doch Odio hörte schon nicht mehr hin. Er sprang vom Pferd und rannte schreiend den Bahnsteig entlang: “Marthaaaa! Warte! Fahr nicht weg!“

Verwundert drehte sich Martha langsam in seine Richtung. Die Stimme kam ihr bekannt vor. Zwischen den Reisenden sah sie die roten Haare auf und ab hüpfen. War das wirklich ihr Odio, oder träumte sie nur? Tränen schossen ihr in die Augen und sie rannte ihm entgegen. „Odiooo!“

Weinend und voller Freude fielen die zwei Gnome sich um den Hals, klammerten sich aneinander und wollten sich nie wieder loslassen. Alle um sie herum begannen zu applaudieren. Vielen der Umstehenden traten jetzt Tränen in die Augen. Sie waren glücklich darüber, dass die zwei Liebenden sich wiedergefunden hatten.

Martha und Odio schauten sich nur an und die Welt um sie herum schien stillzustehen. So viele Fragen brannten Martha auf den Lippen. Noch immer konnte sie nicht fassen, dass ihr Odio nun leibhaftig vor ihr stand. „Odio, Odio,“, stammelte sie, „wo bist du gewesen? Warum bist du damals nicht gekommen?“.

„Ach mein Liebling,“, meinte Odio, „das ist eine lange Geschichte und ich werde sie dir später in Ruhe erzählen. Was mir aber viel wichtiger ist…“. Der Gnom sank vor ihr auf die Knie. „Willst du immer noch meine Frau werden?“

Wieder fing Martha an zu weinen und Odio sank schon der Mut. Doch dann kam ein lautes „Ja“ aus tiefster Seele. Was war das für eine Freude! Alle Umstehenden kamen sofort heran, um den beiden ihre Glückwünsche auszusprechen.

Der Zug hatte mittlerweile schnaufend den Bahnhof verlassen und die Gruppe trat den Heimweg an. Odio nahm seine Martha mit in seine Baumhütte und erzählte ihr später von seinem Missgeschick und dem Fluch, der damit einherging. Er erzählte auch von seinen bösen Taten, die er begangen hatte, weil er den Menschen um sich herum ihr Glück nicht gegönnt hatte. „Ich glaubte, alles verloren und vergessen zu haben. Doch genau diese Menschen haben mir ihr Vertrauen geschenkt.“, sprach Odio voller Ehrfurcht. Liebevoll nahm Martha ihren Odio in die Arme und sagte leise: “Ich habe immer an dein gutes Herz geglaubt und nur in ganz dunklen Stunden, wenn ich tief verzweifelt war, an deiner Liebe gezweifelt. Dafür bitte ich dich um Verzeihung.“

Im Dorf gab es auch viel zu erzählen. Die Geschichte um Odio und seine Martha machte die Runde. Wieder war ein kleines Wunder in der Weihnachtszeit geschehen. Die Weihnachtsvorbereitungen liefen derweil auf  Hochtouren und Heinrich und Emilia planten noch weiter ihre Hochzeit zu Silvester.

Eines Abends klopfte es an die Tür des Dorfgemeinschaftshauses, in dem die Dorfbewohner damit beschäftigt waren, alles festlich für das Weihnachtsfest zu schmücken. Vor der Tür standen Odio und Martha. Sie waren gekommen, um sich noch einmal persönlich bei den lieben Menschen zu bedanken, die ihrer Liebe eine neue Chance ermöglicht hatten. Natürlich erzählten Odio und Martha auch, dass sie den Bund der Ehe schließen wollten. Auf einmal riefen Heinrich und Emilia fast gleichzeitig: „Dann lasst uns doch eine Doppelhochzeit feiern!“. Jubel brandete auf. Odio und Martha schauten sich verliebt in die Augen und konnten nur glücklich nicken.

Später wurde im Dorf ein herrliches Weihnachtsfest gefeiert. Wieder gab es auf dem Dorfplatz eine festlich geschmückte Weihnachtstanne, die Kinder freuten sich über ihre Geschenke und man sprach vom Fest der Liebe, das wieder Wirklichkeit geworden war.

* * *

Heute war nun Silvester. Das ganze Dorf war auf den Beinen. Schon lange hatte man auf laute Böller und Knaller verzichtet, um die Tiere nicht zu verschrecken. Für die Kinder gab es Knallbonbons und Wunderkerzen. Was aber noch viel aufregender war, das war die anstehende Doppelhochzeit.

Zwei wunderschöne Bräute wurden von ihren Liebsten sehnsüchtig in der Kirche erwartet. Als die beiden Frauen das Kirchenschiff betraten, ging ein Raunen durch die Menge. Wie zwei Engel sahen sie in ihren Kleidern aus. Draußen hatte es wieder zu schneien begonnen, und als Martha auf ihren Odio zuschritt, konnte er das Glitzern der Schneekristalle in ihrem Haar sehen, die wie hunderte Diamanten strahlten. Nie hatte Martha schöner ausgesehen. Friede machte sich tief in ihm breit. Am Ende hatte der Schnee seine Martha in eine wunderschöne Winterbraut verzaubert. Schließlich gaben sich die beiden Brautpaare in einer tief bewegenden Trauungszeremonie das Jawort.

Anschließend gab es im Dorf ein rauschendes Hochzeitsfest. Es wurde geschmaust und getrunken, gesungen und getanzt. Heinrich hatte wieder eine große Liebe gefunden. Ihm war noch einmal ein Schatz in Form seiner Emilia und ihren Kindern geschenkt worden. Odio und Martha hatten den Glauben an die Liebe wiedergefunden und waren nun die glücklichsten Gnome der Welt.

Als um Mitternacht die Glocken zwölfmal schlugen, traten alle nach draußen und hießen das neue Jahr willkommen. Den Himmel schmückte ein Feuerwerk aus dem Nachbardorf. Silberne Sterne, goldene Fontänen und bunte Feuerschweife stiegen auf. Und so lebten sie alle glücklich und zufrieden bis zur nächsten Weihnachtszeit.

– Ende –

Audioversion, gesprochen von Sigurd

Weihnachtsgeschichte 2019 – Abschlußepisode Teil 2 (inkl. Audioversion)

Das Schneewunder

Abschlussepisode von allen Autoren – Teil 2

Odio Nix hatte in der Nacht kaum geschlafen. Immer wieder lief er verzweifelt vor sich hin schimpfend ans Fenster und schlug mit den Worten: „Diese leidige weiße Pest!“ mehrmals mit seiner kleinen Faust auf die Fensterbank. Er war wütend und sehr besorgt zugleich, denn er hatte das Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief. Doch was sollte er tun? Schon drei Mal hatte er versucht, seine Haustür zu öffnen. Jedes Mal hatte er sie schnell wieder geschlossen, weil der Schnee so hoch vor seinem Türchen lag, dass bei jedem Öffnen ein großes Häufchen in seine Behausung eindrang.
Natürlich brodelte der Gedanke in seinem Kopf, sich mit Hilfe des Rabitums einen Weg zu schaffen, aber es würde nicht reichen, um diese Schneeberge zu bezwingen und es durch den ganzen Wald zu schaffen. Beim vierten Versuch, die Tür zu öffnen, setzte er es dann doch ein, so dass er sich zumindest einen kleinen Pfad bis zum nächsten Baumstumpf freilegen konnte, von dem aus er etwas bessere Sicht hatte. Erleichtert stellte er fest, dass es aufgehört hatte zu schneien.

Im Dorf herrschte unterdessen bereits eifriges Treiben. Die Dorfbewohner waren fast alle dabei, den Schneebergen den Garaus zu machen. Das war eine große Herausforderung, denn so viel, wie in der letzten Nacht, hatte es ewig nicht geschneit. Auch Josef und Heinrich packten kräftig mit an. Nebenbei überlegten sie, wie sie es durch den Wald zu Odio Nix schaffen konnten, um mit ihm zusammen seine Martha im Nachbardorf zu suchen. Zumal die Zeit auch anderweitig drängte. Die letzten Weihnachtsvorbereitungen waren fast erledigt und die Hochzeit stand an. Die Feierlichkeiten standen unmittelbar bevor.

Heinrich rief Josef zu: „Ein Wunder muss her!“. Kaum hatte er das ausgesprochen, hörte er ein langes „Psssssst!“. Er drehte sich um und hörte erneut: „Pssssssst, hier bin ich!“. Es kam von dem Baum direkt vor ihm. Er entdeckte Rofibald-Geruwim, der dahinter stand und ihm nun ein Zeichen gab, dass er und Josef zu ihm kommen sollten. Heinrich legte den Arm um Josefs Schulter und zog diesen mit sich hinter den Baum.

Es war aber nicht nur Rofibald, der sich dort versteckt hielt. Auch Tytola und ihre Schwestern Tamina und Aurelia waren da. Rofibald wedelte mit seiner Rufwurzel und erklärte kurz und knapp, dass er den Chef angerufen und um Rat gebeten hatte, nachdem er ihm kurz über die Vorkommnisse berichtet hatte. Der Chef hatte ihm schnelle Hilfe zugesagt. Und tatsächlich, da war er auch schon, der Weihnachtsmann-Schlitten! Zwei Wichtel führten die Rentiere. Ohne lange zu zögern kramten sie in einem der Säcke, aus dem sie schließlich drei Fläschchen hervor holten. Sie übermittelten kurz die Nachricht vom Chef, wie die drei Schleiereulen damit Wege frei machen sollten, damit Heinrich und Josef Odio Nix abholen konnten, um ins Nachbardorf zu eilen. Woher der Chef auf die Schnelle das Rabitum besorgt hatte, das wussten sie allerdings nicht.

Martha hatte sich aus Stroh ein Lager für die Nacht bereitet. Eng hatte sie ihr Mäntelchen um sich gezogen. So viele Gedanken waren ihr durch den Kopf gegangen, und sie hatte sich vorgenommen, am nächsten Tag den Weg zum Bahnhof fortzusetzen. Irgendwann waren ihr die Augen zugefallen.

Mit einem leisen Schrei schrak sie nun plötzlich aus dem Schlaf, denn etwas warmes, feuchtes hatte sie im Gesicht berührt. Als sie erschrocken die Augen aufriss, blickte sie in die großen, braunen, glänzenden Augen eines Pferdes, das sie immer wieder anstupste. Durch ihren Schrei war Bauer Brix aufmerksam geworden. Sofort schaute er nach, was seine Lotte da gesehen hatte. Vor ihm lag Martha im Heu, die sich schnell aufrappelte.

„Sag Martha, was machst du bei diesem Wetter in meiner Scheune? Warum bist du nicht zu Hause in deiner warmen Stube?“. Verlegen zupfte sich Martha das Stroh aus dem Haar und wusste im ersten Moment gar nicht, was sie antworten sollte. Doch dann sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus, und sie erzählte Bauer Brix ihre ganze Geschichte. Von ihrer großen Liebe zu Odio Nix, von der geplanten Hochzeit und dass sie so lange gewartet und nie wieder etwas von ihm gehört hatte. Immer wieder wurden ihre Worte von Schluchzern unterbrochen und Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sogar der hart gesottene Bauer musste sich am Ende ihrer Geschichte verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Martha merkte, dass es ihr gut getan hatte, sich ihr Leid von der Seele zu reden. Zu lange hatte sie ihre Sorgen still mit sich herumgetragen.

„Ja Mädchen, was mach ich jetzt mit dir?“, sprach der Bauer. „Auch ich habe in meiner Scheune Schutz vor dem Schneetreiben gesucht. Zum Glück hat es mittlerweile aufgehört zu schneien. Du musst auf dein Herz hören. Wenn du meinst, in der Stadt ein neues Leben beginnen zu wollen, dann wünsche ich dir von Herzen Glück. Draußen dämmert es langsam. Wir können nachher, wenn es richtig hell ist, versuchen, zum Bahnhof zu reiten.“

Etwas später sattelte der Bauer seine Lotte, setzte die kleine Martha vor sich in den Sattel und sie machten sich hoch zu Ross auf den Weg zum Bahnhof. Die Hufabdrücke waren im Schnee gut zu sehen….

Während die drei sich durch den Schnee zum Bahnhof kämpften, fuhren die anderen in rasantem Tempo auf dem Schlitten zu Odio Nix in den Wald hinauf. Dort angekommen, fanden sie seine kleine Baumhöhle leer vor. Odio war verschwunden. „Nicht auch das noch!“, rief Josef. Sie wussten alle, dass die Zeit drängte. Heinrichs zukünftige Frau Emilia wartete auch schon im Dorf, um mit ihm die letzten Hochzeitsvorbereitungen zu treffen. Sie konnte unmöglich alles alleine schaffen.

„Da!“, rief Heinrich und deutete auf eine freigelegte Spur im Schnee. Sie folgten dieser Spur, die plötzlich in einer hohen Schneewehe endete. „Verflixt nochmal!“, wetterte Josef. „Wo ist denn bloß Odio hin? Warum konnte er nicht warten?“. Doch dann hörten beide dumpfe Rufe und Schnee rieselte von dem kleinen Hügel zu ihren Füßen.

„Odio!“, riefen sie erschrocken und griffen gleichzeitig beherzt in den Schnee, wo sie den Gnom packten und ihn aus der Schneewehe herauszogen. „Verfluchter Schnee!“, zeterte Odio. Zappelnd hing er in der Luft, sodass Heinrich und Josef loslachen mussten. Vorsichtig stellten sie ihn ab. „Lacht nicht! Das hat mir alles zu lange gedauert. Ich muss meine Martha finden. Ich habe plötzlich so ein ungutes Gefühl. Wir müssen uns beeilen. Allerdings ist mir mein Rabitum ausgegangen und ich wollte…“

„Stopp, stopp, stopp!“, unterbrach ihn Heinrich. „Wir haben Hilfe bekommen! Sieh nur!“. Er holte die drei Fläschchen aus dem Säckchen hervor. „Die sind vom Chef!“. Odio Nix war ziemlich verwundert und wollte wissen, woher sie diese denn nun hatten. Das wussten die beiden Männer aber auch nicht. „Aber selbst das wird niemals reichen!“, entgegnete Odio. „Ich war gerade auf dem Weg zu Querbur, dem Trollmagier. Der hat noch viel mehr davon. So kurz vorm Ziel ist mir mein Rabitum dann leider ausgegangen, verflixt nochmal!“.

„Dafür haben wir aber keine Zeit mehr.“, sagte Heinrich. „Nein, Odio hat recht.“, meinte Josef nun. „Stellenweise ist der Schnee so hoch, dass wir auch mit dem Schlitten nicht durchkommen. Wir brauchen noch mehr Fläschchen. Das Nachbardorf ist ja nun mal nicht um die Ecke. Wir können doch jetzt nicht ewig durch den Wald stapfen.“.

„Müssen wir auch nicht.“, sagte Odio und deutete auf eine knorrige, alte Eiche. „Da wohnt Querbur.“.

„Dann nichts wie hin!“, rief Heinrich und alle stiefelten zum Baum und hämmerten wie wild gegen die Rinde.

„Ist ja gut! Ja, ja! Nun macht mal nicht so einen Krach!“, kam eine knarzige Stimme aus dem Baum.

„Wir brauchen dringend deine Hilfe!“, riefen alle drei wie aus einem Munde.

„Das weiß ich längst. Ihr seid so laut, dass ich ohnehin alles mitgehört habe.“. Knarrend öffnete sich eine kleine, schiefe Tür und der Magier erschien. Wie starre Äste standen seine Haare vom Kopf ab. Seine kleinen braunen Augen schauten belustigt von einem zum anderen, und in seinen Händen hielt er ein Säckchen. „Hier, das ist mehr als genug. Damit kommt ihr bis ins nächste Dorf und sogar noch weiter. Ich wünsche euch viel Erfolg und findet Martha!“. Damit drehte er sich um und verschwand wieder in seinem Baum.

Das Säckchen mit den Fläschchen sah genau so aus, wie das vom Chef. Nun ahnten die drei, dass der wohl höchstpersönlich beim Trollmagier das Rabitum besorgt hatte.

Hoch oben flogen zwei Eulen große Kreise und stießen Rufe aus. Irgend etwas stimmte nicht. Sie eilten  zum Schlitten, wo Rofibald mit den anderen beiden Wichteln wartete. „Wo bleibt ihr denn!“, rief er schon von weitem. Nun kamen die Eulen herab geflogen, und auch die dritte Eule näherte sich geschwind. Es war Tamina, die rief: „Ihr müsst euch sputen. Ich war gerade im Nachbardorf die Lage erkunden. Das ganze Dorf ist in Aufruhr. Die Bibliothek wurde nicht geöffnet und Martha ist verschwunden. Sie haben schon angefangen zu suchen.“.

 

Audioversion, gesprochen von Sigurd

Weihnachtsgeschichte 2019 – Abschlußepisode Teil 1 (inkl. Audioversion)

Das Schneewunder

Abschlussepisode von allen Autoren – Teil 1

Odio Nix wurde ganz blass, als er Finns Worte vernahm. In seinem kleinen Körper schlug ein großes Herz und er spürte nun schon eine ganze Zeit, wie sehr er diese Frau noch immer liebte. Er verfluchte sich und seine Unachtsamkeit noch immer, hatte er sich doch selbst am meistens damit geschadet.

Alle um ihn herum waren glücklich und zufrieden und ganz aufgeregt wegen des Weihnachtsfests und der bevorstehenden Hochzeit. Schon wollte wieder so etwas wie Neid und Missgunst in ihm aufkeimen. Schnell schob er die schlechten Gedanken beiseite, denn es waren doch diese Menschen, die dazu beigetragen hatten, die Schatulle der Vergangenheit für ihn zu öffnen und die ihm ihr Vertrauen geschenkt hatten. Dankbarkeit und ein Gefühl der Hoffnung machten sich in ihm breit. Sollte er doch noch einen Zipfel Glück in seinem Leben bekommen?

Finn schaute sich unterdessen das Bild der Frau noch einmal ganz genau an. Sie kam ihm wirklich bekannt vor, auch wenn sie auf diesem Bild irgendwie jünger aussah. Seine Gedanken rotierten. Wo hatte er sie nur gesehen? Plötzlich fiel es ihm ein. In der Grundschule hatte sie im letzten Jahr als Bibliothekarin im Rahmen eines Lesewettbewerbes Märchenbücher vorgestellt. Ganz aufgeregt erzählte er es sofort den anderen am Tisch. Nun prasselten die Fragen nur so auf ihn ein, denn natürlich wollten alle wissen, wer diese Frau war. Alle sprachen wild durcheinander. Schließlich verschaffte sich Heinrich lautstark Gehör.

„Ruhe jetzt!“, rief er. „Lasst Finn doch erst einmal zu Wort kommen!“. Und so erzählte Finn, dass er die kleinwüchsige Frau bei gelegentlichen Besuchen im Nachbardorf gesehen hatte, als er sich neuen Lesestoff in der Bibliothek ausleihen wollte. Sie war dort sehr beliebt, denn sie hatte besonders zu Kindern ein freundschaftliches Verhältnis. Ihre kleine Gestalt und ihr Aussehen ließ die Kinder glauben, sie selbst sei einem Märchenbuch entsprungen. Doch leider war sie oftmals tieftraurig und ihr Lächeln erreichte nie ihre Augen. Alle ahnten, dass sie ein tiefes Leid mit sich herumtrug.

Odio Nix Blick wurde wieder traurig, denn er fühlte sich schuldig und für das Leid seiner Liebsten verantwortlich. Wie verzweifelt musste sie sein? Sie hatten einst von der großen Liebe gesprochen und Pläne geschmiedet, und plötzlich war er spurlos verschwunden. Das Herz wurde ihm schwer. Alle Menschen um ihn herum hatte er enttäuscht und ihnen Böses gewünscht und getan, und nun sollten sie ihm helfen? War das möglich? Und was für ihn noch wichtiger war: Würde seine Liebste ihm verzeihen und hatte ihre Liebe überhaupt noch eine Chance? Fragen über Fragen gingen in seinem Kopf herum.

Während alle durcheinander redeten und Odio vor Gram immer weiter in sich zusammensank, ahnte niemand, was zur gleichen Zeit im Nachbardorf geschah…

Der Tag neigte sich dem Ende zu und mit der Dämmerung zogen dicke Wolken auf. Martha räumte die letzten Bücher, die ein paar Kinder kurz zuvor zurückgebracht hatten, an ihre Plätze zurück. Schließlich schloss sie die reich verzierte Eingangstür von innen ab. Danach nahm sie ihr kleines Höckerchen und stellte es an die Garderobe. Sie stieg hinauf und reckte sich gerade nach oben, als es plötzlich wackelte und sie nach hinten umkippte. Martha kullerte über den Boden und verfing sich dabei in ihrem herunter gerissenen Mäntelchen. Schließlich blieb sie auf dem Rücken liegen. Obwohl sie sich nicht wehgetan hatte, wurde sie nun noch trauriger.

Jeden Tag lächelte sie und war immer freundlich zu allen und ganz besonders lieb zu den vielen Kindern. Es war ein schwerer innerer Kampf für sie, immerzu gegen ihre Tränen anzukämpfen. Als sie nun so hilflos am Boden lag, konnte sie die Tränen nicht länger zurück halten und begann hemmungslos zu weinen.

„Odio!“, rief sie verzweifelt. „Warum bist du nicht zurück gekommen? Warum nur? Ich kann nicht mehr auf dich warten. Alles hier erinnert mich an dich. Ich kann einfach nicht mehr…“.

Martha weinte minutenlang. Erschöpft stand sie langsam auf, ging nach hinten ins Büro und starrte auf ihr Köfferchen. Lange hatte sie überlegt, ob sie es tun sollte. Doch immer wieder hatte sie gehofft, dass irgendwann die Türglocke bimmelte, die Bibliothekstür aufging und Odio herein kam. Der Sturz vom Hocker hatte nun für sie das Fass zum Überlaufen gebracht. Nein, so konnte es nicht weitergehen! Sie zog ihr Mäntelchen über, schnappte ihr fertig gepacktes Köfferchen und verließ ihre geliebte Bibliothek durch die Hintertür. Als sie abgeschlossen hatte, blickte sie hinauf in den Himmel. Dort türmten sich schwere Wolken auf und es hatte bereits angefangen zu schneien. Martha machte sich über einen Umweg auf zum Bahnhof. Sie wollte weg von hier, brachte es jedoch nicht übers Herz, sich von ihren Freunden zu verabschieden. Nach wenigen Schritten schneite es bereits dichte, dicke Flocken und das Schneetreiben wurde immer stärker. Martha versank bereits bei jedem Schritt bis zu den Knöcheln im Schnee. Das Ganze gefiel ihr gar nicht. Der Umweg, den sie ging, um nicht gesehen zu werden, war wohl eine schlechte Idee gewesen. Noch bevor sie sich umentscheiden und zurück gehen konnte, trieb in hohem Tempo ein heftiger Schneesturm heran. Von einer Sekunde auf die andere konnte sie nichts mehr sehen und ein Weiterkommen wurde für sie unmöglich. Angst stieg in ihr auf.

Auch im Wald, wo noch immer viele Fragen an Finn gerichtet wurden, fing es an zu schneien. „Wir sollten hier recht schnell verschwinden, bevor der Schnee stärker wird und wir nicht mehr ins Dorf zurück können!“, sagte Heinrich und erhielt von den anderen Zustimmung. Als Josef in Odio Nix kleinem Gesicht Verzweiflung aufkommen sah, sagte er zu ihm: „Odio, mach dir keine Sorgen! Morgen kommen wir wieder und dann überlegen wir, wie wir deine Martha finden können. Ruh dich erst einmal aus und koche dir einen Wurzelbeerentee. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“. Und so machten die anderen sich auf den Weg zurück ins Dorf. Kaum waren sie dort angekommen, wurde der Schnee stärker und man sah fast die Hand vor Augen nicht mehr.

In seinem Haus ließ Odio Nix unterdessen die Ereignisse des Tages noch einmal an sich vorbeiziehen. Konnte es möglich sein, dass er sein Glück wiederfinden würde oder es sogar schon gefunden hatte? Konnte es wirklich möglich sein, dass er seine geliebte Martha wieder in die Arme schließen würde? Er musste sie unbedingt sehen und ihr alles erklären. Am liebsten wäre er sofort hinunter ins Dorf gelaufen, aber dieser verflixte Schnee ließ es nicht zu. Als er aus dem Fenster schaute, sah er nur noch Weiß. Es war kein Baum, kein Weg, einfach nichts mehr zu erkennen. Er würde sich bis zum nächsten Tag gedulden müssen, um endlich wieder bei seiner Martha zu sein. Dass der Schnee am nächsten Tag nicht weggetaut sein und es keinen Weg vom Wald ins Dorf und umgekehrt geben würde, das wussten zu diesem Zeitpunkt weder Odio Nix noch die Bewohner des Dorfes.

Und auch Martha, die in der Zwischenzeit Schutz an einer Scheunenwand gefunden hatte, konnte es nicht ahnen. Sie zitterte vor Kälte und war völlig entkräftet. Ihr kleines Köfferchen hatte sich in einer Schneewehe verfangen und sie konnte nicht mehr die Kraft aufbringen, es dort heraus zu ziehen. Dieser viele Schnee, der sich durch den Sturm stellenweise bereits zu richtigen Bergen aufgetürmt hatte, ließ sie mutlos werden. Sie glaubte mittlerweile nicht mehr daran, dass sie den Weg zum Bahnhof noch schaffen würde. Vorsichtig tastete sie sich an der Scheunenwand entlang. Hoffentlich hatte sie Glück und das Scheunentor war nicht verschlossen. Endlich ertastete sie einen Riegel, den sie mit ihren vor Kälte fast starren Fingern Stück für Stück zurück schob. Mit Müh und Not ließ sich das schwere Tor nun einen kleinen Spalt weit öffnen und Martha konnte hinein schlüpfen. Schnell drückte sie es mit letzter Kraft von innen wieder zu und ließ sich schließlich erschöpft auf den Boden gleiten.

Wieder fing sie an zu weinen. Endlich hatte sie sich für einen Neuanfang entschieden, wollte alles Leid hinter sich lassen und in der Stadt ihr Glück suchen und nun machte ihr der Schneesturm einen Strich durch die Rechnung. Erinnerungen an jenen Tag kamen hoch. Auch damals hatte es so heftig geschneit und ihr Odio war bis heute nicht erschienen. Warum hatte ihr Leid schon wieder mit Schnee und nichts als Schnee zu tun?

Lang hielt Martha es auf dem kalten Boden nicht aus. Sie stand auf, holte ein Päckchen Streichhölzer aus ihrer Manteltasche hervor und entzündete vorsichtig ein Hölzchen, um sich umzusehen. Wegen der kurzen Brenndauer reichte ihr das erste Lichtlein nicht, um die Scheune zu erkunden. Mit Hilfe des zweiten entzündeten Hölzchens erkannte sie im hinteren Teil Strohballen und eine leere Pferdebox, an deren Wand eine Mistgabel angelehnt stand. Neben verschiedenem Pferdegeschirr, das an einem Balken hing, fiel ihr zu ihrer Erleichterung auch eine Laterne ins Auge, die sie mit einem dritten Hölzchen entzündete. Ein Pferd war nicht im Stall. In ihr keimte die Hoffnung auf, dass der Besitzer vielleicht noch mit seinem Ross unterwegs war. Zwischen den Heuballen suchte sie Schutz vor der Kälte. Ihr war klar, dass sie alleine bei dem Schneegestöber nicht weiterkam.

Audioversion, gesprochen von Sigurd

Weihnachtsgeschichte 2019 – Episode 6 (inkl. Audioversion)

Das Schneewunder

Episode 6 von Brathahn

Odio Nix war traurig und wütend zugleich. Irgendwie wusste er, dass er früher einmal glücklich war. Warum er es aber nicht mehr war, das wusste der Gnom nicht. Schon so lange er zurückdenken konnte, war er verbittert, wütend, hasste den Schnee und glückliche Menschen. Aber auch genauso lange versuchte er sich an sein Glück zu erinnern, was ihm aber einfach nicht gelingen wollte.

Wütend darüber widmete er sich wieder der Vorbereitung seines bösen Plans. Er wollte nichts dem Zufall überlassen. Gleich neben der Wurzel, auf der er saß, war unter einer Fichte noch ein Rest Schnee. Genau den brauchte er jetzt, denn das Rabitum musste unbedingt noch getestet werden, damit ja nicht im letzten Moment noch etwas von seinem Plan schiefgehen konnte.

Also ging er zu dem Schneehaufen, träufelte etwas vom Rabitum darauf und hielt den Auffänger bereit. Er flüstere die Verwandlungsformel und ganz langsam schien es ihm, als würden sich die Schneekristalle verändern. Aber noch bevor sie sich wirklich verwandelten, wurde es ihm auf einmal schwarz vor Augen und er sank in sich zusammen.

Währenddessen war Tytola in Odio Nix‘ Hütte vollkommen erschüttert. Sie konnte kaum fassen, was sie in der verschlossenen Schatulle gefunden hatte, die verstaubt hinter einer großen Holzkiste in einer finsteren Ecke der Hütte gestanden hatte. Kurz überlegte sie, was nun zu tun war und beschloss, auf schnellstem Weg ins Dorf zu gehen. Sie musste unbedingt mit Heinrich und Josef besprechen, was sie jetzt unternehmen konnten, nachdem durch die Sachen aus der Truhe auf einmal ein ganz anderes Licht auf die Vorkommnisse gefallen war. Also verließ sie die Hütte und machte sich auf den Weg.

Finn schaute Wopsi mit großen Augen an. Was sollten sie jetzt tun? Gerade hatten sie beobachtet, wie Odio Nix in einer dunklen Ecke irgendwas gemacht hatte. Was, das konnten sie nicht erkennen. Aber sie hatten deutlich gesehen, dass der Gnom auf einmal in sich zusammengesackt war..

Wopsi huschte los, beschnüffelte den Gnom vor Ort vorsichtig und gab Finn dann schwanzwedelnd ein Zeichen. Der verstand sofort, dass keine Gefahr bestand und ging nun ebenfalls zu Odio Nix. Der Gnom lag da, atmete ruhig, schien aber nichts zu merken und tief und fest zu schlafen. Sie wussten nicht genau, was sie tun sollten, aber um genau sehen zu können, ob es vielleicht eine Verletzung gab, zogen sie Odio Nix gemeinsam erst einmal etwas ins Licht. Finn zog mit beiden Armen und Wopsi mit seinen Zähnen. Gut dass der Gnom so klein war, denn nur dadurch konnten die Beiden es überhaupt schaffen. Gerade, als Finn den Gnom genau betrachtete, kam Odio Nix langsam wieder zu sich. Er setzte sich auf, schaute den Jungen und seinen Hund erstaunt an und fragte: „Was ist passiert? Was mache ich hier und wer seid ihr?“. Finn reagierte ganz clever und sagte: „Ich bin Finn und das ist mein Hund Wopsi. Wir sind hier Gassi gegangen und haben dich hier liegen sehen. Was ist passiert?“. Dass sie ihn beobachtet hatten, sagte er natürlich nicht…

„Ich habe keine Ahnung.“, sagte der Gnom und schüttelte leicht den Kopf, „Ich weiß nicht, warum ich hier bin!“

Tytola war zwischenzeitlich bei Heinrich und Josef angekommen. Alle wurden ruhig und nachdenklich, als Tytola ihnen erzählte, warum Odio Nix so geworden war, wie er jetzt war. Einst war er ein junger und hübscher Gnom, frisch verliebt wollte er seiner Angebeteten bald einen Antrag machen. Doch dann kam dieser verhängnisvolle Tag, als er sich vom Wald aus auf den Weg zu seiner Liebsten machte. Nur sie im Sinn, stapfte er durch den Neuschnee, ohne zu beachten, wo er lang ging und wohin er trat. So kam er ein ganzes Stück vom Weg ab in einen Teil des Waldes, von dem jeder Gnom wusste, dass dort alte Artefakte aus der Vergangenheit der Gnomgemeinschaft verborgen waren, die gut bewacht wurden und denen sich niemand zu nähern hatte. Aus Respekt vor der Geschichte hielt sich jeder daran. Odio Nix aber war mit seinen Gedanken nur bei seiner Angebeteten und überlegte sich wieder und wieder die Worte, die er sich schon für sie zurechtgelegt hatte. Es kam, wie es kommen musste. Odio Nix stolperte über eine Wurzel und fiel auf eine im Dickicht versteckte Kiste, die durch seinen Aufprall samt Inhalt in tausend Teile zerbarst. Er konnte sich gar nicht so schnell aufrappeln, da standen plötzlich schon die Wächter der Gnomgemeinschaft um ihn herum. Er versuchte zu erklären, was passiert war, fand aber kein Gehör. Die Wächter hielten sich genau an die seit Jahrhunderten überlieferten Vorschriften für so einen Fall. Diese besagten, dass die Strafe dafür ein Fluch zu sein habe. Die gesamte Erinnerung und das gesamte Glück eines Schuldigen sollte in einer Schatulle verschwinden, die dieser nie wieder öffnen können sollte. Er sollte sich also nie wieder an seine Vergangenheit erinnern können. Um die Strafe aber noch zu verschärfen, sollte er jedes Mal, wenn er versuchen würde, die Schatulle zu öffnen, wieder fühlen, dass irgendwann einmal etwas in seinem Leben anders war. Nur was, das sollte er niemals herausfinden können. Die einzige Möglichkeit, die Erinnerung doch zurück zu erlangen, sollte darin bestehen, dass Fremde die Schatulle öffnen, die Geschichte darin glauben und ihm – egal was er zwischenzeitlich Böses getan hatte – Vertrauen schenken würden.

Heinrich und Josef mussten sich gar nicht erst ansehen, geschweige denn miteinander sprechen, und auch Tytola war am Ende ihres Berichtes ohne ein Wort klar, was die drei jetzt zu tun hatten. Sie machten sich sofort auf den Weg, um Odio aufzusuchen, auch wenn es schon halb dunkel war.

Sie marschierten auf dem kürzesten Weg, mitten durchs Dickicht, in Richtung seiner Hütte. Plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen, als sie Odio Nix erblickten. Er saß zwischen Finn und Wopsi an einen Baum gelehnt und sagte immer wieder: „Ich weiß einfach nicht, was passiert ist und was ich hier mache!“

Wopsi hatte die Herannahenden bemerkt, bellte kurz und rannte auf Heinrich, Josef und Tytola zu. Die hatten ihre Überraschung mittlerweile überwunden und liefen weiter zu Finn und dem Gnom.

Heinrich und Josef traten vor Odio Nix, lächelten ihn freundlich an und halfen ihm auf. „Komm mit, wir müssen dir etwas erzählen“, sagten sie freundlich zu ihm und machten sich mit ihm auf den Weg zu seiner Hütte. Tytola legte den Arm um Finn und ging mit etwas Abstand hinterher, um sich von dem Jungen erzählen zu lassen, was passiert war. In der Hütte des Gnoms, der noch immer nicht wusste, was eigentlich los war, setzten sich alle um den Tisch und Tytola holte die Schatulle aus der Ecke und stelle sie auf den Tisch. Odio Nix guckte etwas überrascht. Seine Stirn legte sich in Falten, und nach einem Moment meinte er: „Was willst du damit? Die steht hier, seit ich denken kann, aber sie lässt sich nicht öffnen.“. Er hatte keine Ahnung, warum sie hierher gegangen waren und was Tytola mit der Schatulle wollte.

Sie lächelte und sagte: „Odio Nix, wir möchten dir etwas zeigen!“ und öffnete zum Erstaunen des Gnoms einfach so den Deckel. Anschließend breitete sie den Inhalt der Schatulle auf dem Tisch aus. Es waren Schriftstücke, Tagebücher, verschiedene kleine Dinge und ein Bild von einer ausgesprochen hübschen Frau.

Als Odio Nix das Bild sah, zuckte er zusammen. Er bekam große Augen, blätterte scheinbar gedankenverloren durch die Schriftstücke, nahm die Bücher in die Hand und stammelte: „Ich glaube es nicht… diese Sachen…dieses Bild…meine Bücher! Das sind die Sachen, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte!“

Dann sprudelte es nur so aus ihm heraus. Er erzählte all die Sachen, die er vergessen hatte, erzählte von den Erinnerungen, die in der Schatulle vor ihm selbst weggeschlossen waren. Jetzt erfuhren alle noch einmal von ihm selbst, wie er einmal gelebt hatte und was mit ihm in jener Nacht geschehen war, als er durch den frisch gefallenen Schnee stapfte. Allen wurde klar, wie sehr er gelitten haben musste in der Zeit, in der er unter dem Fluch gestanden hatte.

Tytola hatte sogar eine Erklärung dafür, wieso ihm beim Testen des Rabitums schwarz vor Augen wurde. Rabitum konnte nicht nur Schnee in den Auffänger schweben lassen, sondern es hatte auch die geheime und eigentlich unbekannte Eigenschaft, in Verbindung mit dem Auffänger Flüche von einem Wesen zu entfernen. Der Gnom hatte sich versehentlich ein paar Tropfen der Flüssigkeit auf seinen Umhang gekleckert, so dass das Rabitum auf ihm seine Wirkung entfalten konnte.

Alle saßen nun eine Weile ganz still am Tisch und mussten erst einmal auf sich wirken lassen, was da in den letzten zwei Stunden geschehen war.

Als Odio Nix die Sachen schließlich wieder in die Schatulle packte, fiel sein Blick nochmals auf das Bild. Er gab es den anderen und erzählte, dass diese Frau damals seine Angebetete war, der es sicher großes Leid bereitet hatte, als er sich ganz plötzlich nicht mehr blicken ließ, weil seine Erinnerung an sie ja ausgelöscht war. Das machte alle ziemlich traurig und wortlos reichten sie das Bild reihum. Finn war der Letzte im Kreis und schon ziemlich müde nach dem langen Tag. Er sah nur kurz auf das Bild und gab es dem Gnom zurück. Der legte es in die Schatulle, schloss den Deckel und als er den Verschluss gerade zuklappte, wurde Finn plötzlich hellwach und sagte:

„Moment mal, ich kenne diese Frau!“

Audioversion, gesprochen von Sigurd