Apfelküsse

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Das Haus lag im Dunkeln. Tim trat langsam in die Einfahrt und ging geradeaus am Haus und der Scheune entlang zur Obstbaumwiese. Es war ihm plötzlich peinlich, hier herumzuschleichen, und so nahm er sich vor, einfach bis nach hinten durchzugehen und dort über den Zaun zur angrenzenden Weide zu klettern, um dann quer über die Weide zurück auf den Schleusenweg zu gelangen. Als er unter den dichtbelaubten Apfelbäumen war, schrie er auf. Etwas Hartes hatte ihn über dem linken Auge getroffen. Kein Stein, so hart war es nicht gewesen, aber nass, und beim Aufprall an seiner Schläfe war es zerborsten.

Ein Apfel.

Vielmehr der Rest eines Apfels. Die Blüte und der untere Teil des Fruchtfleisches fehlten, die obere Hälfte mit Stiel lag in zwei Teilen vor seinem Schuh. Der junge Mann blieb stehen, sein Atem kam schnell und stoßweise. Im Baum über ihm raschelte es. Er schaute angestrengt durch die Blätter nach oben, doch es war zu dunkel. Tim hatte die Ahnung von etwas Großem, Weißem, das dort oben zu schimmern schien. Es raschelte erneut und die Äste des Baums zitterten heftig. Als das Mädchen mit einem Plumps vom Baum sprang, konnte Tim ihr Gesicht nicht erkennen. So dicht stand sie plötzlich vor ihm. Ihr Gesicht kam seinem noch näher, und sie küsste Tim auf den Mund. Er schloss die Augen und genoss. Ihr Mund war warm, weich und schmeckte nach Apfel, Nach Boskop. Und nach Bittermandel. Er sollte den Geschmack nie wieder vergessen.

Apfelschwestern

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Meine beste Freundin Anna und ich aßen für unser Leben gern Äpfel. Sie liebte Boskop und ich Cox Orange. Ab Ende August verbrachten wir unsere Freizeit nach der Schule auf und in den Apfelbäumen.
Die hellen Klaräpfel kamen zuerst, sie schmeckten nach Zitrone, und wenn sie erst einmal angebissen waren, konnten sie gar nicht so schnell gegessen werden, wie sie innen schon wieder braun wurden. Klaräpfel wurden nicht verkocht, ihr Aroma verflog wie der Augustwind, unter dem sie gereift waren. Dann kamen langsam die Cox-Orange Bäume, zuerst der große, der so nahe am Haus stand und von den roten Klinkersteinen, die tagsüber die Hitze gespeichert hatten, bestrahlt wurde, sodass seine Früchte immer größer, süßer und früher reif waren, als die der anderen Apfelbäume. Ab Oktober waren dann alle Apfelbäume so weit.

Im Herbst duftete unser Haar nach Äpfeln, unsere Kleider und Hände sowieso. Anna und ich kochten zusammen Apfelmus und Apfelgelee und meistens hatten wir Äpfel in den Taschen und angebissene Äpfel in der Hand. Anna hatte die Angewohnheit, erst einen breiten Ring um den Bauch des Apfels zu essen, dann vorsichtig unten um die Blüte, dann oben um den Stiel, das Kerngehäuse warf sie im hohen Bogen fort. Meine Freundin aß langsam und genussvoll, von unten nach oben – alles. Auf den Kernen kaute sie noch stundenlang herum. Als ich ihr einmal vorhielt, dass die Apfelkerne innen giftig seien, erwiderte Anna, das könne nicht sein, denn sie schmeckten doch nach Marzipan. Und außerdem aßen doch die meisten Menschen so ihre Äpfel.

Ich vermisse Anna, ihre bestechende Apfellogik und den Apfelgeruch, der immer von ihr ausging.