Wenn…

… ein 4-Pfund-Brot 1,04 Mark kostete

… eine Einzelfahrt für Straßenbahn oder Bus 20 Pfennige kostete

… Spülmittel, oder Ketchup, oder Moccafix, oder anderes mal wochenlang nicht käuflich zu erwerben waren

… du am Tag deines 18. Geburtstages ein Auto bestellt hast, damit du es dann mit etwa 30 Jahren auch wirklich bekommen solltest

… ein Jahre alter Gebrauchtwagen deutlich teurer war, als ein Neuwagen

… du als selbstständiger Bauunternehmer Kontigentmarken für Diesel bekamst, die maximal für den halben Monat reichten

… jedes Kind Anspruch auf einen Kinderkrippenplatz, Kindergartenplatz und Hort- sowie Ferienbetreuung bis zum vierten Schuljahr hatte

… üblicherweise die Urlaubsplätze von den Betrieben vergeben wurden

… ”gute” Lebensmittel nur unter der Ladentafel verkauft wurden

… Beziehungen das halbe Leben waren

… eine Hand die andere wusch

… du ”aus Scheiße Bonbon machen” konntest

… jeden Montagabend, 21.35 Uhr ”Sudel-Ede” im Schwarzen Kanal Propaganda machte

… Nachbarschaftshilfe das Normalste der Welt war

… du hochwertige Kleidung im Exquisit und hochwertige Lebensmittel im Delikat kauft musstest, da du kein Geld für den Intershop hattest

… in Zeitungsannoncen Blaue Fliesen als Zahlungsmittel angeboten wurden

… im Dezember auf dem Postamt die Leute Schlange standen, um Pakete zu versenden, die fast alle die gleiche Größe hatten

Ein Kessel Buntes ein absolutes Fernseh-Highlight war

… am ersten Weihnachtstag die Familie Zwischen Frühstück und Gänsebraten im Fernsehen geschaut hat

… in der Schule die Kinder zu ”feierlichen Anlässen” erst ein blaues, dann ein rotes Halstuch und schließlich ein FDJ-Hemd trugen

… jede Grundschulklasse eine Patenbrigade hatte

… es den Unterrichtstag in der Produktion gab

… so ziemlich jede Neubauwohnung mehr oder weniger gleich eingerichtet war

… du zum Möbelhaus gerast bist, weil du erfahren hattest, dass dort eine Lieferung Küchenmöbel erwartet wurde

…. es zur Geburt deines Kindes 1000 Mark vom Staat gab

… in der Tageszeitung seitenweise freie Arbeitsplätze angeboten wurden

dann warst du im Osten!

Und wenn du niemals „Westfernsehen“ geschaut hat, dann hast du im Tal der Ahnungslosen gewohnt.

30 Jahre ist das jetzt schon her. Unglaublich.

Als die Mauer fiel…

…hatten wir das Abenteuer: „Flucht in den Westen“ hinter uns. Vom Sozialismus in den Kapitalismus. Ins gelobte, goldene Land der vielen Möglichkeiten.

( Lehnt euch zurück, nehmt was zu Trinken und Knabberzeug, der Text wird jetzt sehr lang. )

Dahin, wohin ich nie wollte, in eine Ellenbogengesellschaft, in der ich untergehen würde, sagte man mir, kleines verschüchtertes Ding, immer. Aber ich schwor mir insgeheim, dass ich mich niemals unterkriegen lasse. Und trotzdem war da die Angst, denn was uns die roten kommunistischen Lehrer tagtäglich prophezeiten, was uns dort erwartete, war eher der Horror. Nein, ich wollte im sozialistischen Land bleiben. Ich glaubte den Lehrern und meine Mutter versuchte es mir wieder auszureden, dass das alles nur eine Lüge sei. – Als das alles anfing, war ich damals 16 Jahre alt. Aber erst mal von ganz vorne.

Im Sommer 1989 fuhren wir in den Ferien nach Bulgarien. Meine Mutter, ihr Freund, meine beiden Schwestern und ich. Es war ein toller Urlaub. Die Unruhen hatten aber bereits begonnen. Der Freund fuhr eines Tages bei einem Tagesausflug an die türkische Grenze und bettelte, uns rüberzulassen, wir wollen nur Istanbul angucken. Nur angucken! Man ließ uns nicht. Was war ich froh, mir fiel ein Stein vom Herzen.

Zurück wieder in unser Berlin. Die Unruhen nahmen immer mehr zu. Tagtäglich liefen die Nachrichten. Immer mehr Menschen flohen. Viele ließen ihr Leben dabei. Sie riskierten alles. Die Unruhen nahmen ihren Lauf. Überall redete man davon. In der Schule wurde uns der Kapitalismus als ein gefräßiges Tier erklärt. Man wollte wenigsten uns Schüler klein und dumm und brav halten. Ja schön weiter die FDJ Hemden tragen, und die Pioniertücher umbinden.

Der Tag kam! Mitten in der Nacht, in einer Nacht und Nebelaktion, schmiss meine Mutter uns Mädels aus den Betten. „Wir hauen ab!“ Ich wollte nicht. Aber was hätte ich tun sollen? Also packten wir notdürftig alles zusammen. Ab ins Auto und los. Auf der Fahrt stritten sich meine Mutter und ihr Freund. Dann fing das Auto an zu qualmen. Wieder zurück nach Hause. Gott sei Dank. Was war ich froh und ging am nächsten Tag zur Schule, als wäre nichts passiert.

Die Unruhen wurden so massiv, dass eines Tages aus dem Radio die Nachrichtensprecher plärrten, dass Ungarn nun seine Pforten eröffnet hatte. Es war ein schöner sonniger Tag. Ich hatte meinen ersten Freund, mit dem ich gerade spazieren ging. Dummerweise gerade an unserem Balkon vorbei. Der Kopf meiner Mutter tauchte auf, die plötzlich aufgeregt hinaus rief, ich solle sofort hochkommen. Ich ließ meinen Freund warten und flitzte mit dem Fahrstuhl hinauf. Dort war meine Mutter hektisch am rumpacken. „Wir hauen ab! Ungarn hat seine Grenzen aufgemacht. Pack‘ dein Zeug zusammen!“

Da wusste ich definitiv, jetzt ist es endgültig. Wir werden verschwinden ohne Wiederkehr. Ohne Abschied. Für immer und ewig. Ich durfte nichts mitnehmen außer ein paar Klamotten, meine vielen Geschichten, meine Tagebücher, meine Bücher, alles was mir lieb war, musste ich zurücklassen. Ich band meine Herzkette ab, nahm mein Taschengeld, es waren genau 20 Mark, denn was sollte ich mit Ossigeld im Westen, und wollte mich wenigstens von meinem Freund verabschieden. „Du darfst nichts erzählen! Niemand darf davon wissen „! Denn es war derzeit noch viel zu gefährlich. Später erfuhr ich, dass die Stasi uns eh schon auf den Kiecker hatte, wegen einer Nachbarin, die ohnehin uns verraten hatte. Denn nachts schlichen irgendwelche Gestalten um unser Auto, die uns bereits observierten. Es war für meine Mutter und ihrem Freund höchste Not. Wir mussten weg.

Ich rannte zu meinem Freund, schenkte ihm meine Kette, als Erinnerungsstück und drückte ihm das Geld in die Hand. Wir umarmten uns ein letztes Mal …er wusste es in diesem Moment. Er wollte mich nicht gehen lassen. Er wollte zur Polizei und uns verraten, erfuhr ich Jahre später. Er musste sich so zusammenreißen und hatte eine unbändige Wut auf meine Mutter.

Im Auto wurden unsere wichtigen Papiere im Himmel versteckt. Wir hatten zum Glück alle ein Visum bekommen, mit der Ausrede, wir wären in Bulgarien zu einer Hochzeit eingeladen, da wir ja zuvor dort Urlaub gemacht hatten. Geschenke als Attrappe wurden verpackt, das war unser gutes Kaffeegeschirr. Rest alles, wurde geschickt im Auto versteckt. Der Freund meiner Mutter war Automechaniker und kannte sich damit aus. Während wir alles ins Auto trugen und verstauten und ich einen letzten Blick auf die Straße und das Haus warf, schaute meine Nachbarsfreundin gerade heraus. Lautlos rief sie, und ich las von ihren Lippen ab:“Haut ihr ab?“ Da legte ich einen Finger auf die Lippen. Sie nickte und ich sah sie nie wieder.

Die Flucht begann!

Wir fuhren lange lange lange. Es wurde nachts und wir waren kurz vor der tschechischen Grenze. Diese Hürde mussten wir schaffen. Denn die war noch nicht offen. Die Autobahn war leer, alles war dunkel. Langsam schlichen wir uns dahin, als wir plötzlich ein Auto erblickten, dass ohne Licht fuhr. Nun waren wir am Arsch. Wir waren sicher, die Stasi hat uns. Die Eltern kommen in den Knast und wir Kinder ins Heim. Wir fuhren vorsichtig heran. Das andere Auto war auch vorsichtig. Wir überholten und wurden langsamer. Der andere auch. Wer waren sie? Konnte man denen trauen oder nicht?

Plötzlich winkte eine Frau aus dem offen Fenster hinaus, mit Oberkörper und beiden Armen. Ist was passiert? dachte ich. Und dann hielten wir gemeinsam in einer Parkbucht an. Dort offenbarten wir uns vorsichtig und erfuhren, das im Auto eine kleine Familie war. Mann, Frau und Kind. Die Frau mit Kind hatten das Visum bekommen, aber ihr Mann nicht. Damit sie ja wieder zurückkehre. Was nun? Sie wollten auch weg. Die Frau solle mit Kind vorfahren, und der Mann schlüpfte in einem Taucheranzug und wollte über einen Fluss fliehen.

„Bist du verrückt!“ rief meine Mutter. „Die Strömung wird dich mitreißen und kommst da nie wieder raus!“ Die Erwachsenen überlegten nach einer Lösung. Der Mann ließ sich letztendlich darauf ein. Und ab jetzt wurde Blut und Wasser geschwitzt.

Der Mann legte sich hinten unten am Boden an den Rücksitzen. Alles Koffer und Taschen und Decken wurde über ihn gepackt. Komplett zubepackt und das kleine Kind wurde obendrauf gesetzt. Und nun ging es mit Angst zur Grenze. Werden die dass Auto filzen? Wird es komplett auseinander genommen oder gucken die nur oberflächlich? Wir wussten es nicht. Die Angst saß wie ein Koloss im Nacken. Wir näherten uns. Streng sahen uns die Grenzposten an. Ausweise! Taschenlampen leuchteten uns ins Gesicht…. dann winkte der Grenzmann. Ja, er winkte uns durch. Ich sah sein Grinsen. Er war auf unserer Seite, er ließ uns einfach durch. Wir waren in der Tschechoslowakei. Wir fuhren zum nächsten Rastplatz gleich in der Nähe und warteten auf die kleine Familie. Haben die genauso viel Glück wie wir? Oder hält man sie fest? Wird der Mann erwischt?

Und da tauchten zwei Scheinwerfer auf! Sie haben es tatsächlich rüber geschafft. Die Erleichterung war riesig, die Steine und Felsen, die auf uns lasteten, fielen herab. Wir haben es geschafft und alle freuten sich. Wir Schwestern saßen hinten, und das Abenteuer rauschte wie ein Film an uns vorbei. Ich wollte eigentlich zurück. In mein altes Leben, in mein Zimmer, meine Schule und zu meinen Freunden. Von jetzt an, begann ein neues Leben. Der große Wendepunkt meines Lebens!

Wir fuhren quer durch die Tschechoslowakei. Es war alles ruhig auf den Straßen. Ich genoss die Fahrt und träumte, bestaunte die Natur. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Bis zur ungarischen Grenze.

Ab da wurden wir aus unseren Träumen gerissen, hart in die Realität katapultiert. Die ungarische Grenze war voll von Menschen und Autos. Reihe an Reihe standen die und alle wollten hinüber. Es wurde gejubelt, gesungen, getanzt. Ungarische Kameraleute flitzten zwischen den Autos hin und her und so auch zu uns. Wir antworteten auf deren Fragen. Wir kamen ins ungarische Fernsehen. Unserer Gesichter waren nun eines von vielen in den Nachrichten. Alle wollten nun über Ungarn flüchten. Und man ließ uns auch hinüber. Wir hinterließen diesen Tumult und fuhren Richtung Österreich. Und an jeder Tankstelle rannten wildfremde Leute auf uns zu. Sie umarmten uns überschwänglich, beglückwünschten unseren Mut. Ständig steckte mir irgendjemand Geld zu, dass ich in meiner Tasche sammelte. Viele klopften dreist an den Scheiben. Jeder wollte die Ossis begrüßen, die Flüchtlinge sehen und anfassen. Jeder wollte sagen, ich war dabei, ich hab sie gesehen. Wir waren frei!

An einer Grenze mussten dann Papiergänge erledigt werden. Vorläufige Ausweise erstellen lassen. Unterlagen ausfüllen und stempeln lassen, was auch immer. Ich hatte keine Ahnung davon und wir Mädels warteten immerzu im Auto, um uns von Fremden begrüßen zu lassen. Als dies alles erledigt war, und meine Mutter und ihr Freund und die kleine Familie sich noch mit anderen Flüchtlingen zusammentaten, hielten wir an einem Parkplatz. Eine Sektflasche wurde mit einem Knall entkorkt. Sie schrien und weinten und beglückwünschten sich. Wir haben es geschafft. Wir sind drüben. Ein neues Leben beginnt. Alle jubelten und taumelten vor Freude und ich hatte das Gefühl, völlig neben mir zu stehen. Ich fühlte keine Freude in mir.

Später fuhren wir weiter. Wir schafften es gerade so in einem Auffanglager, als das Auto völlig den Geist aufgab. Dort verloren wir alle Kennengelernten aus den Augen. Dort zeigte man uns die riesigen Zelte, wo doppelstöckige Betten standen mit Armeedecken. 20-50 Leuten hätten darin Platz gefunden. Da sollen wir schlafen? Mit all den Fremden? Die Duschen und Toiletten aus Plastikhütten, zumindest sahen die so aus. Darin mit tausenden von Menschen die Keimzellen teilen? Ich hätte es notgedrungen getan. Aber meine Mutter war sich zu fein dafür. Da wolle sie auf keinen Fall bleiben. Der Tag wurde trotzdem lang, weil die Erwachsenen ewig in Schlangen standen, ewige viele Formulare ausfüllen mussten. Das dauerte und dauerte. Nebenbei lernten wir eine Wessifamilie kennen. Wir kamen ins Gespräch und sie luden uns später am Abend zum Essen ein.

In der Zeit hatte meine Mutter ihre Schwester in Frankfurt am Main kontaktiert. Dass das Auto kaputt sei und sie auf keinen Fall bleibe und im Zelt mit 50 wildfremden Menschen zu schlafen. Der Mann meiner Tante machte sich dann auf dem Weg und war irgendwann in der Nacht da. Und mitten in der Nacht ging es in seinem Auto weiter. Richtung Frankfurt, in meine neue Heimat. Ich weiß noch, wie ungewohnt es war, in einem Luxusauto zu sitzen, das extrem schnell fuhr. Wir flogen ja regelrecht über die Autobahn. An den Tankstellen dachte ich, ich sei im Paradies, was es da alles gab!

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren, ich weiß nur, dass es immer noch oder wieder dunkel war, als wir ankamen und meiner Tante um den Hals fielen. Von da an blieben wir vorerst bei ihr.

Es war der 7. November 1989, zwei Tage bevor die Mauer tatsächlich „fiel“. Hätten wir das gewusst. Hätten wir das bloß gewusst!!! Aber zurück konnten wir trotzdem nicht mehr. Mein neues Leben im Kapitalismus begann.

Nachtrag: Meine Erinnerung hat mir einen Streich gespielt. Ich erfuhr gerade von meiner Mutter, das wir im September geflüchtet waren. Und im November fiel ja die Mauer. Also zwei Monate. Aber trotzdem, hätte man es gewusst. Die zwei Monate, hätten wir auch noch aushalten können. Zurück konnten wir nicht mehr. Nur die grünen Grenzen waren offen gewesen, und wenn wir durch die Zone zurück gefahren wären, wären wir verhaftet worden. Und in der Zeit war auch unsere Wohnung leergeräumt worden….

Es geschah an einem Donnerstag, …

… ohne dass wir es mitbekamen.

Die ersten Stunden der Maueröffnung haben wir sozusagen verpasst. Wir haben am Abend des 9. November 1989 keine Nachrichten gesehen und gehört. Dresden war das „Tal der Ahnungslosen“, in dem der Empfang des Westfernsehens im Prinzip nicht möglich war. Trotz unserer Teilnahme an mehreren Montagsdemos hatten wir den Fall der Mauer – noch dazu so schnell – nicht erwartet.

Als wir am nächsten Morgen in der Firma ankamen, erfuhren wir es von einem Freund und Kollegen. Wir waren ziemlich fassungslos und es dauerte auch einige Zeit, bis wir realisiert hatten, dass wir tatsächlich Zeitzeugen dieses historischen Ereignisses geworden waren. Auch wir hatten nicht damit gerechnet, dass die Mauer zu unseren Lebzeiten fallen würde. Natürlich haben wir uns gefreut, wie kleine Kinder.

Am 17. November 1989 fuhren wir mit unserem froschgrünen Trabi in Westberlin ein. Die Fahrt dorthin hat Stunden gedauert und wir kamen nur recht langsam voran, aber so konnten wir dieses Ereignis – unsere erste Fahrt in den Westen – auch ausgiebig genießen… 😉 Viele andere Autofahrer im Westteil Berlins haben gehupt und uns zugewunken, als sie uns in unserem doch recht auffälligen Gefährt wahrnahmen. 😀

Mindestens so überwältigt vom Mauerfall, wie wir, war die Tante meines Mannes. Sie ist gebürtige Berlinerin, lebte zu diesem Zeitpunkt schon fast 30 Jahre in den USA und war rein zufällig zu Besuch bei ihrer Mutter (der Oma meines Mannes) in Westberlin. Sie hat viele Freudentränen vergossen. Auch am 17. November – dem Tag unseres Reise nach Westberlin, unserem Wiedersehen (sie war Jahre zuvor schon zu Besuch bei uns in Dresden) und ihrem Geburtstag. „Ihre“ Stadt war nicht mehr geteilt. ♥