Weihnachtsgeschichte, Episode 4

Rofibald-Geruwim schaute auf seine Rufwurzel und dachte kurz nach.

Dann wählte er die Nummer des Chefs.

„Was ist los? Gibt es Probleme?“, fragte der Chef ungeduldig, als er ranging.

„Ja, also Chef, es ist so…“ begann Rofibald-Geruwim stotternd.

„Rofibald, ich habe keine Zeit! Sag mir doch einfach ob und was passiert ist!“, wurde der Chef energischer.

„Ja also Chef…“, stammelte Rofibald-Geruwim wieder. Das musste er sich vor dem Chef unbedingt abgewöhnen, dachte er rasch. „Hier gibt es ein Problem.“ Nach einer kurzen Pause, fügte er hinzu „Aber das lässt sich schnell lösen, wenn Sie einverstanden sind!“

„Rofibald, Du sprichst in Rätseln. Komm zur Sache, damit ich meine Arbeit weiter machen kann.“

Rofibald berichtete dem Chef von seinem Zusammentreffen mit Heinrich, dessen Lebensgeschichte und wie er schließlich in den Wald gekommen ist. Zuletzt unterbreitet er dem Chef seinen Vorschlag: „Ich dachte mir, vielleicht kann Heinrich mir bei der Wache helfen? Ich mein, es ist schon sehr einsam hier draußen und manchmal auch unheimlich. Außerdem sehen vier Augen und hören vier Ohren mehr, als nur zwei. Ich kann ihm alles erklären, was wichtig ist.“

„Ja nun, das ist wirklich eine rührende Geschichte und es tut mir für Heinrich – so war der Name doch?“ Ein kurzes „Ja“ von Rofibald-Geruwim unterbrach den Chef. „leid, aber wie soll er denn unbemerkt den Sack bewachen? Er ist doch viel zu groß und passt nicht in den Sack hinein. Oder ist er ein Zwerg, so wie Du?“

„Nein Chef, das ist er nicht!“, sagte Rofibald-Geruwim ernüchternd.

„Und wie hast Du Dir dann vorgestellt, dass er den Sack bewacht?“, fragte der Chef und war leicht genervt, dass Rofibald ihn mal wieder bei einer wichtigen Aufgabe für Herrn Weihnachtsmann und Frau Christkind gestört hatte.

„Na ja, ich dachte jetzt nicht direkt, also er kann ja…“, begann Rofibald-Geruwim erneut stotternd.

„Ja, was?“, frage der Chef ungehalten.

„Na ja, ich dachte an Altum. Er ist auch kein Zwerg, sondern ein Riese, deshalb wurde er ja auch von Ihnen Altum getauft, aber das wissen Sie ja!“, er verstummte. Mist, dachte er bei sich, ich bin vom Thema abgekommen und dann auch noch Altum, das verärgert den Chef noch mehr. Mist.Aber ich muss es schaffen – für Heinrich. Er holte tief Luft und sagte: „Wie auch immer. Altum bewacht ja auch die Geschenke und wenn ich Heinrich richtig einarbeite…“ „ALTUM BEWACHT DEN SCHLITTEN“, schrie der Chef los. „Ja, das weiß ich Chef. Aber ich dachte, wenn ich Heinrich ordentlich einweise, dann kann er bis nächste Woche Altum unterstützen. Dann ist der Schlitten auch schon voller mit Säcken. Außerdem wäre ich bis dahin so oder so schon am Schlitten, um meinen Sack abzugeben. Ich habe fast alle Geschenke eingesammelt“, verkündete Rofibald-Geruwim. „Na, und außerdem würde Heinrich essen können. Er ist wirklich hungrig. Wir haben doch bald Weihnachten!“, appellierte er zum Schluss.

Stille am anderen Ende der Leitung. Hatte der Chef aufgelegt? War er so sauer auf Rofibald-Geruwim, dass er zu ihm kommen und ihn bestrafen würde? Immer noch Stille. Das war kein gutes Zeichen. Rofibald-Geruwim war sich sicher, dass dieses Gespräch das letzte war, das er je geführt hat im Dienste von Herrn Weihnachtsmann und Frau Christkind. Er war sich sicher, nächstes Jahr nicht mehr als Einsammler und Aufpasser der Geschenke zu arbeiten, als er plötzlich die Stimme des Chefs am anderen Ende der Leitung hörte.

„Na schön! Wenn es sein muss. Als Pussili damals Altum herbrachte, hat es ja auch geklappt. Aber arbeite ihn gut ein. Und wenn Du dann am Schlitten bist und Altum die Geschenke übergeben hast, dann hilf bitte Lente, er ist mal wieder weit hinter seiner Zeit und wird es ohne Hilfe nicht schaffen. Ich werde Herrn Weihnachtsmann und Frau Christkind über die neue Unterstützung in der Gruppe informieren!“

„Danke Chef, das werden Sie nicht bereuen. Vielen Dank. Ich wusste, Sie würden das alles verstehen!“

„Ja ja schon gut!“, wehrte der Chef ab. „Aber noch eines…!“

„Ja?“, fragte Rofibald-Geruwim vorsichtig.

„Warum denkst Du, dass er Altum helfen sollte und nicht Dir oder Lente? Altum hat doch immer den Schlitten mit den Geschenken bewacht – ganz ohne Hilfe. Seine Größe hilft ihm doch schon genug.“

„Altum und Heinrich kommen aus der gleichen Stadt, Chef.“

Weihnachtsgeschichte – Episode 2

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Im Schein des Mondes sah er einige Meter entfernt eine umgeknickte kleine Tanne im Schnee liegen. Er näherte sich ihr und entdeckte nun breite, direkt über der Tanne verlaufende Kufenspuren und Abdrücke von Hufen. Die Spuren kamen aus der Dunkelheit und verschwanden in selbiger. Selbst die Geräusche waren mittlerweile nur noch sehr leise in der Ferne zu hören.
Grübelnd und furchtbar hungrig ging der Penner, der Heinrich hieß und seit vielen Jahren Witwer war, zurück in seinen Verschlag und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem am Boden liegenden Sack mit den herausgepurzelten Geschenken zu. Er war sich unschlüssig, was er damit anfangen sollte. Wenn er nun nur ein einziges Geschenk öffnete und behielt, um den Inhalt essen zu können? Vieleicht konnte er statt dessen etwas anderes schönes von den Dingen einpacken, die er im Wald gefunden und im Gebüsch hinter dem Verschlag versteckt hatte. Hoffentlich befand sich in all den bunten Verpackungen überhaupt etwas Essbares!
Er hob mit seinen immer noch eisig kalten, knotigen Fingern ein ovales, in dunkelblaues Glitzerpapier verpacktes Paket auf und wollte es gerade neben seinem Ohr schütteln, als der Sack sich plötzlich bewegte. Heinrich ließ das Paket fallen, schrak einen Schritt zurück und hielt seine Hände vor den Mund.
Es raschelte und knisterte im Sack und die Bewegung näherte sich der Öffnung. War da etwa eine murmelnde Stimme zu hören, oder bildete Heinrich sich das nur ein?
Jetzt kroch ein sehr kleines, krummrückiges Männlein aus dem Sack. Es hatte eine Art Spazierstock bei sich. Auf dem Rücken trug es eine kleine, leere Kiepe. Es richtete sich auf, sah zu Heinrich hoch, und fragte mit einer energischen Stimme: ”Wer bist du denn?”
Mit weit aufgerissenen Augen hatte Heinrich den Zwerg beobachtet und gleichzeitig gedacht, er sei im Traum gelandet. Aber es war doch alles real. So wie er fror, konnte man doch wohl in keinem Traum frieren! Und sein Hunger war auch echt. Das ließ sein leerer Magen ihn schmerzlich spüren. Er kniff die Augen kurz zusammen, öffnete sie wieder und sah den Zwerg noch immer vor sich.
”I, ich bin Heinrich.”, stotterte er mit seiner knarzigen Stimme, die das Sprechen schon lange nicht mehr gewohnt war. ”Ich, ich ha, habe diesen Sack im Wald gefunden. Er stand da an einen Baum gelehnt. Es war niemand da.”
Ihre Blicke begegneten sich im spärlichen Licht. Unsicher fragte Heinrich den Kleinen: ”Und wer bist du, wenn ich fragen darf? Bist du echt, oder träume ich das alles nur?” Der Zwerg zog daraufhin mit empörtem Blick kräftig am Hosenbein von Heinrichs fadenscheiniger und teilweise löchriger Hose, so dass sich Heinrich einmal mehr bewußt wurde, dass er nicht träumte.
”Ich bin Rofibald-Geruwim, der Zwölfte!” kam promt die Antwort. ”Ich habe heute den Nachtdienst. Und in meiner Dienstzeit wird nichts aus dem Sack genommen! Es sind noch viele Tage bis zum Fest. Der Sack darf weiter befüllt werden. Aber niemand darf etwas daraus nehmen!” Seine kleinen Augen blitzten Heinrich herausfordernd und gleichzeitig durchdringend an.
”Ich nehme jetzt meine Rufwurzel aus der Tasche und rufe den Chef her, wenn du mir nicht sofort einen triftigen Grund nennen kannst, warum du den Sack mitgenommen hast!”